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Das ist neu in Puncto Bedienungshilfen in iOS 8

Es ist soweit, iOS 8 ist erschienen! Und es ist Zeit, sich die Neuerungen in puncto Bedienungshilfen anzuschauen. Es gibt einiges zu entdecken. Apple haben mal wieder ein echtes Feuerwerk abgebrannt, was die Neuerungen und Verbesserungen angeht.

VoiceOver

Im Bereich VoiceOver, der viele meiner Leser am brennendsten interessieren dürfte, haben sich ein paar Dinge getan, die die Arbeit noch einmal deutlich erleichtern könnten.

Brailleeingabe auf dem Touchscreen

In den Rotoreinstellungen gibt es eine neue Einstellung mit Namen „Braillebildschirmeingabe“. Fügt man diese dem Rotor hinzu, steht in Eingabefeldern eine neue Rotorfunktion gleichen Namens zur Verfügung, ähnlich wie die Handschriftoption in iOS 7. Schaltet man auf diesen Modus um, wird das iPhone, iPad oder der iPod Touch der 5. Generation zur Brailleeingabetastatur. Auf den kleinen Bildschirmen des iPhone und iPods lediglich für 6-Punkt-Braille, auf iPads sogar 8-Punkt-Braille. Dies passiert grundsätzlich im Querformat. Die Home-Taste zeigt hierbei üblicherweise nach rechts. Hier unbedingt auf die Ansage von VoiceOver achten!

Zunächst wird man aufgefordert, die Finger zu kalibrieren. Jeder hält seine Hände etwas anders, und damit das Gerät weiß, wie, und dementsprechend die Braillezeichen deuten kann, muss es ihm beigebracht werden. Zunächst legt man die Finger der rechten Hand aufs Display und wartet zwei akustische Signale ab. VoiceOver sagt dann „Im Erkundungsmodus, Punkte 4 5 6“. Dann hebt man sie an und wiederholt diese Prozedur mit den Fingern der linken Hand für die Punkte 1 2 3. Nun ist man startklar und kann lostippen. Die folgenden weiteren Gesten stehen nun zur Verfügung:

  • Mit einem Finger nach rechts wischen: Leerzeichen einfügen.
  • Mit einem Finger nach links wischen: Letztes Zeichen löschen.
  • Mit einem Finger nach oben oder unten wischen: Vorschläge aus dem Wörterbuch auswählen.
  • Mit drei Fingern nach links oder rechts wischen: Umschalten zwischen Kurzschrift- und Computerbraille-Eingabe, mit der Einschränkung, dass diese auf dem iPhone nur im 6-Punkte-Modus zur Verfügung steht.

Es wird sogar die Eingabe in mehreren Sprachen unterstützt. Schreibt man z. B. viel auf deutsch und englisch, hat man in der Regel auch für beide Sprachen die normale Tastatur installiert. Schaltet man nun vor Betätigen des Rotors die Tastatur auf deutsch oder englisch ein und schaltet dann in den Brailleeingabemodus, erfolgt die Interpretation auch in der gewählten Sprache, also bei Kurzschrift deutsche oder eben englische.

Was Apple hier deutlich besser gelöst hat als die Macher der Software mBraille, ist, dass sie nicht fest vorgeben, wie man die Finger auf einem iPhone plazieren muss. Die sehr abgeschrägte Handhaltung von mBraille konnte ich z. B. nie gut ausführen, während die Brailleeingabe nach der Apple-Methode nach dem Kalibrieren der Finger wunderbar funktioniert.

Das Kalibrieren kann man übrigens jederzeit wiederholen. Wenn man beim Tippen merkt, dass die Finger so doch nicht richtig funktionieren, kann man eine neue Kalibrierung beginnen, indem man die Finger der rechten hand so aufs Display legt, wie es dann am bequemsten ist und die Prozedur dann mit der Linken wiederholt, jeweils bis die zwei akustischen Signale und die VoiceOver-Ansagen erfolgt sind.

Diese Brailleeingabemethode ist ein echter Gewinn für Leute, die gern und viel Braille schreiben oder auch schnell sein wollen. Auch, dass die Kurzschrifteingabe so gut funktioniert, ist ein echter Sprung in der Funktionsvielfalt!

Genauere Einstellung der Brailleein- und -ausgabe

In den VoiceOver-Einstellungen für Brailleschrift gibt es jetzt genauere Einstellmöglichkeiten für die Aus- und Eingabe von Brailleschrift. Sowohl die Ausgabe als auch die Eingabe per Brailletastatur und Braillebildschirmeingabe können getrennt nach 8-Punkt-Braille, 6-Punkt-Braille (entspricht der deutschen Basisschrift) und Braillekurzschrift eingestellt werden, bei der Einstellung für die Brailletastatur sogar noch zusätzlich, ob eine Braillerückübersetzung stattfinden soll. Schaltet man diese aus, kann man z. B. als Lehrer in Zukunft kontrollieren, ob ein Brailleschüler richtig Kurzschrift schreibt. Für die Bildschirmeingabe steht diese Möglichkeit jedoch nicht zur Verfügung, hier wird immer zurückübersetzt.

Fortlaufendes Lesen

Ebenfalls in den Brailleschrifteinstellungen gibt es jetzt eine Einstellung, die sich „Automatisches Umblättern“ nennt. In iBooks, Kindle und anderen Anwendungen mit Textausgabe ist es nun endlich möglich, nur mit Hilfe der fortlaufenden Lesetasten der Braillezeile ein ganzes Buch zu lesen, ohne von Hand die Seite umblättern zu müssen.

Audioducking abschaltbar

in iOS 8 ist es jetzt ähnlich wie in OS X Mavericks endlich möglich, das Audioducking, also das Leiserdrehen der Medienwiedergabe, wenn VoiceOver spricht, an – und abzuschalten. Man geht hierfür in die Rotoreinstellungen und aktiviert den Punkt Audioducking. Will man die Funktion nun umschalten, kann man dies mit Wahl der Rotoreinstellung und dem Wischen nach oben oder unten tun.

Eine neue Tastatureingabemethode

In der Rotorstellung Eingabemodus gibt es eine neue Einstellung mit Namen „Direkte Berührung Eingabe“. Apple empfiehlt, diese nur in Verbindung mit den Einstellungen „Zeichen“ oder „Zeichen und Wörter“ beim Sprechen der Eingabe für Softwaretastaturen zu verwenden. Diese Einstellung besagt nämlich, dass man den Bildschirm nur ganz kurz berühren soll, um eine Taste einzugeben. Legt man den Finger zu lange auf eine Taste, wird sie gesprochen und beim Anheben des Fingers nicht eingegeben. Diese Art der Eingabe ist für Leute gedacht, die die Lage der Tasten ihrer Tastatur sehr genau kennen und so sehr schnell schreiben können wollen.

Die Standardeinstellung für diese Rotorfunktion ist jetzt übrigens auch in den VoiceOver-Einstellungen vorbelegbar. Es gibt dafür einen neuen Punkt „Eingabemodus“.

Neue Stimmeneinstellungen

Der Umschalter „Kompakte Stimme“ ist aus den VoiceOver-Einstellungen verschwunden. Stattdessen gibt es jetzt einen neuen Punkt „Sprachausgabe“, der dem Punkt „Sprachen und Dialekte“ entspricht, aber etwas umgestaltet und erweitert wurde. Hier fügt man wie gehabt diejenigen Sprachen hinzu, die man im Rotor haben möchte und die VoiceOver auch beim automatischen Erkennen von Sprachen z. B. auf Webseiten verwenden soll. Ganz oben legt man die Standardsprache fest, inklusive der Tatsache, ob die Standard- oder Premium-Stimme verwendet werden soll und wie schnell diese spricht.

Sämtliche solche Einstellungen kann man nun für jede weitere hinzuzufügende Sprache einstellen. Für jede Sprache ist einstellbar, ob die kompakte bzw. Standard-Stimme oder die Premium-Stimme heruntergeladen und verwendet werden soll, und wie schnell diese spricht. Für U.S. Englisch gibt es in iOS 8 außerdem die Stimme Alex, die von OS X seit Jahren als englische Standardstimme bekannt ist. Allerdings ist diese den 64-Bit-Geräten, also iPhone 5S oder neuer und iPad Air und iPad Mini mit Retina Display vorbehalten. Ältere Geräte bekommen diese Stimme nicht angeboten. Achtung, der Download ist 805 MB groß!

Zoom

Der Zoom ist in iOS 8 erheblich erweitert worden. So kann man jetzt einstellen, ob der Fokus verfolgt werden soll oder nicht, ob die Tastatur gezoomt werden soll und ob ein Menü mit Zoomfunktionen angezeigt wird. Auch kann man jetzt festlegen, ob der gesamte Bildschirm oder nur das Fenster gezoomt werden soll. Und letztendlich kann man die maximale Zoomstufe festlegen. Standardwert ist fünffacher Zoom, man kann dies aber auch auf bis zu 15-fach hochdrehen. Ob man das Gerät dann allerdings noch sinnvoll bedienen kann, überlasse ich dem geneigten Leser festzustellen. 😉

Graustufen-Darstellung

Dieser Punkt befindet sich unterhalb der Einstellung für die Farbumkehr und ist neu in iOS 8.

Sprachausgabe

Dieser Punkt ist neu und ersetzt die Punkte „Auswahl vorlesen“, „Autotext vorlesen“ und „Autokorrektur und Autogroßschreibung“. Diese sind in dieses neue Dialogfeld gewandert, und die Punkte „Autotext“ und „Autogroßschreibung…“ wurden zu „Autotext“ zusammengefasst.

Bildschirminhalt sprechen

Außerdem gibt es einen neuen Punkt „Bildschirminhalt sprechen“. Ist er aktiviert, kann man mit zwei Fingern vom oberen Bildschirmrand streichen, um sich eine Webseite, E-Mail, einen Text in iBooks o. ä. vorlesen zu lassen. Auf dem Bildschirm erscheinen dann Wiedergabe-Steuerelemente zum Pausieren und fortfahren und schnellen Spulen vor und zurück.

Diese Funktion ist übrigens auch mit VoiceOver kombinierbar. Man legt zwei Finger an den oberen Bildschirmrand und wartet auf das dezente aufsteigende Tonsignal, das anzeigt, dass jetzt erfolgende Fingerbewegungen direkt an die Anwendung durchgereicht werden. Erforscht man den Bildschirm, während der Bildschirm vorgelesen wird, wird die Vorlesestimme je nach Audioducking-Einstellung leiser gedreht, so dass die VoiceOver-Stimme deutlich besser zu hören ist. Man kann so auch die Wiedergabe-Steuerelemente fürs Vorlesen des Bildschirms bedienen.

Aktiviert man einen dieser drei Punkte, wird der Schalter „Stimmen“ verfügbar, der dem oben schon beschriebenen Dialog für die Sprachausgabe in VoiceOver entspricht, allerdings ohne die Standard-Sprache. Und außerdem sind hier alle verfügbaren Sprachen aufgelistet und konfigurierbar, weil der vorzulesende Text ja in jeder Sprache vorliegen kann und man ohne VoiceOver ja keinen Rotor hat. Außerdem sind die hier gemachten Einstellungen unabhängig von VoiceOver, man kann also fürs Vorlesen des Bildschirms für die gleiche Stimme eine andere Sprechgeschwindigkeit einstellen als bei VoiceOver.

Neue Einstellung Hörgerätbetrieb

Diese Einstellung findet sich im Dialogfeld „Hörgeräte“ und soll laut Aussage dazu beitragen, die Audioqualität zu verbessern. Auch werden in diesem Dialogfeld jetzt explizit „Made for iPhone“-Hörgeräte verbunden.

Geräuschunterdrückung

Mit dieser Einstellung werden Umgebungsgeräusche bei Telefonaten unterdrückt, um die Sprachqualität zu verbessern. Dies ist aber nur dann in Anwendung, wenn das iPhone ans Ohr gehalten wird, also nicht im Freisprech-Betrieb.

Videobeschreibungen

iOS unterstützt jetzt die Wiedergabe von Audiodeskriptionen in Videos. Dieser Punkt findet sich zusammen mit den Untertiteln im neu geschaffenen Abschnitt „Medien“ und legt fest, ob Audiodeskription automatisch abgespielt wird, wenn verfügbar, oder eben nicht.

Neue Optionen beim geführten Zugriff

Man kann den geführten Zugriff nun auch per Fingerabdruck sperren und entsperren. Weiterhin ist es nun möglich, bestimmte Zeiten festzulegen, zu denen der geführte Zugriff aktiv ist.

Art der Anrufannahme festlegen

Es ist nun möglich festzulegen, ob Anrufe automatisch (wie bisher) oder immer auf dem angeschlossenen Kopfhörer oder immer beim eingebauten Lautsprecher landen sollen.

Tastaturen

iOS 8 bietet nun endlich die Möglichkeit, Tastaturen von Drittherstellern systemweit einzubinden und zu nutzen. Und mehrere Hersteller von bekannten Apps haben nicht nur angekündigt, dass ihre Funktionalität in Zukunft per Tastatur zur Verfügung stehen wird, sondern auch, dass diese mit VoiceOver kompatibel sein werden. Dazu gehören natürlich die schon bekannte Tastatur Fleksy, die Snippet-Verwaltung TextExpander (Ankündigung) und der Passwort-Manager 1Password. Andere werden folgen oder haben ebenfalls Tastaturen angekündigt, ob diese alle mit VoiceOver kompatibel sind, muss sich zeigen. Aber die Tastaturerweiterungen ermöglichen natürlich viel mehr Flexibilität und Produktivität, so dass hier eine ganze Reihe von neuen Anwendungen möglich wird.

Notfall-Pass in der Health-App

In der neuen App Health (Engl. für Gesundheit) kann man sich einen Notfall-Pass einrichten. Dies ist der ganz rechte Tab. Diese Notfall-Informationen können dazu dienen, im Falle des nicht mehr kommunizieren Könnens wichtige Informationen an Personen weiterzugeben, die erste Hilfe leisten oder zu einem Notfall-Team gehören. Hier kann man wichtige Medikationsangaben hinterlegen, seinen Namen, sein Alter und andere relevante Informationen zur Verfügung stellen usw. Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig. Ob ein Diabetiker, der in einen Unterzucker geraten ist und nicht mehr sprechen kann, ein Mensch mit Autismusspektrumsstörung, der unter Stress verstummt, Anweisungen für die Behandlung im Falle eines Bewusstseinsverlustes in der Öffentlichkeit usw.

Diese Informationen sind, sofern hinterlegt, vom Sperrbildschirm aus zugänglich, ohne das iPhone entsperren zu müssen. Der Weg dorthin ist allerdings etwas kompliziert: erst muss man zum Entsperren nach rechts wischen, dann unten links auf „Notfall“ tippen, woraufhin man eine Telefontastatur angeboten bekommt, in der wiederum unten links ein kleiner Link zum Notfallpass steht. Es bleibt zu hoffen, dass Apple diesen Weg in Zukunft noch vereinfacht.

Apple verspricht, dass keine App, die das neue HealthKit unterstützt, auf diese besonderen Informationen zugreifen kann.

Einige nützliche Tipps

Im Folgenden habe ich einige nützliche Tipps für Neuerungen in an Bord befindlichen Apps zusammengefasst, primär für VoiceOver-User.

Audio-Nachrichten

In iMessage kann man jetzt Audio-Nachrichten verschicken. Dies funktioniert sogar betriebssystemübergreifend auch mit OS X Yosemite, der neuen Version des Mac-Betriebssystems. Ist das Eingabefeld für eine iMessage leer, einfach die Taste „Audio aufnehmen“ finden und doppeltippen und halten. Nach Beendigung der Aufnahme den Finger anheben, und die Nachricht wird verschickt.

Mailentwurf minimieren

In Mail kann man jetzt eine im Entwurf befindliche Mail vorübergehend minimieren, um z. B. in einer anderen Mail etwas nachzuschlagen oder eine Info zu kopieren. Neben der Abbrechen-Taste oben links befindet sich eine entsprechende weitere Taste. Genauso kann man das Fenster wiederherstellen, indem man die entsprechende neue Taste im normalen Mail-Fenster betätigt. Nicht-VoiceOver-Anwender ziehen das Entwurfsfenster nach unten weg bzw. wieder nach oben.

Apple Pay

Apple hat auf der Veranstaltung, auf der das iPhone 6 und iPhone 6 Plus vorgestellt wurden, auch einen Bezahldienst namens Apple Pay angekündigt. Mit einem in diese beiden neuen iPhones eingebauten NFC-Chip und den Fingerabdruck-Sensor wird ein Bezahlvorgang ermöglicht, der kein Herumhantieren mit einer Plastikkarte, eine PIN-Eingabe oder eine Unterschrift mehr erfordert. Der Händler bekommt nicht einmal die Kontodetails oder Kreditkartennummer übermittelt. Dieser Dienst startet im Oktober in den USA, und ich hoffe, dass er seinen Weg schnell auch nach Deutschland findet! Als jemand, der schon mal per EC-Karte um einige tausend DM (ja, ist schon eine Weile her) erleichtert wurde, weil ihm ein „Freund“ beim Geld Abheben bzw. der PIN-Eingabe trotz Absicherung über die Schulter schauen konnte, sehne ich den Tag herbei, an dem wir nicht mehr mit Bargeld oder Plastikkarten hantieren müssen. Apple Pay hat das Potential, als erste Bezahlfunktion per Smartphone endlich massentauglich zu werden. Alles, was PayPal und andere bisher so gezeigt haben, krankt immer noch an zuviel Umständlichkeit. Auch für Menschen mit motorischen Einschränkungen dürfte diese Zahlungsmethode interessant werden, weil sie wenig Bewegung erfordert.

Fingerabdruck als Zugang zu Daten in Apps

Apropos Absicherung mit dem Fingerabdruck: Apple hat den Zugang zu Touch ID in iOS 8 auch Apps von Drittherstellern geöffnet. Dieser Zugang schließt quasi bestimmte angeforderte Datensätze im Schlüsselbund auf. Es findet also keine Übertragung des tatsächlichen Fingerabdrucks statt. Ähnlich wie in iTunes und dem App Store wird es so zukünftig auch in Apps von anderen Entwicklern möglich sein, Transaktionen oder Authentifizierungen mit dem Fingerabdruck durchzuführen. Natürlich nur auf unterstützten Geräten, also ab iPhone 5s aufwärts. Auch dies bedeutet wieder ein höheres Maß an Sicherheit, da man nicht mehr Gefahr läuft, beim Eintippen des Kennworts oder einer PIN diese von den Fingern abgeguckt zu bekommen. Es ist also zu hoffen, dass viele App-Entwickler diesen Mechanismus in Zukunft nutzen werden!

Leider auch ein paar Bugs

Wie bei jeder ersten Version eines neuen Releases leider fast schon üblich, gibt es auch in iOS 8 ein paar nervige Bugs, die hoffentlich bald behoben sein werden. Zu diesen gehören:

  • Selbst wenn man das Sprechen der Eingabe auf „Wörter“ oder „Keine“ gestellt hat, werden alle eingegebenen Zeichen in fast allen Apps von VoiceOver gesprochen.
  • In der letzten Reihe der Apps auf den Home-Bildschirmen ist es nicht möglich, durch Doppeltippen und Halten den Bearbeitungsmodus einzuschalten. Workaround: Einfach irgendwoanders starten, danach sind die Apps der unteren Reihe lösch- und bearbeitbar.
  • Auf manchen Geräten wird die Statuszeile direkt über einer Dritthersteller-Tastatur dupliziert. Ich war in der Lage, eine Tastatur im Betatest auszuprobieren und sah dieses Phänomen auf meinem iPhone 5s, aber nicht auf dem iPad Air. Mir wurde bestätigt, dass dies auch mit einer zweiten Tastatur eines anderen Herstellers passiert, ist also ein generelles VoiceOver- bzw. iOS-Problem. Scheint aber nur für VoiceOver so auszusehen, visuell sieht alles ganz normal aus.
  • Im Web gibt es weiterhin einige Unstimmigkeiten beim Bearbeiten von Textfeldern. Es ist etwas besser geworden als in iOS 7, aber immer noch nicht perfekt.
  • Auf meinem iPhone 5s sagt VoiceOver bei der automatischen Bildschirmsperre nicht „Bildschirmsperre“, sondern „Code eingeben“.
  • Beim kontinuierlichen Lesen z. B. in der Kindle-App bleibt VoiceOver manchmal beim Umblättern hängen. Ob dies ein VoiceOver-Bug ist oder durch ein iOS-8-Kompatibilitäts-Update der Kindle App behoben wird, bleibt abzuwarten.

Weiterhin vermeldet der Entwickler der beliebten Navigations-App BlindSquare GPS, dass die Acapela-Stimmen für iOS 8 zunächst nicht zur Verfügung stehen, sondern ein Update brauchen. Der Entwickler von Voice Dream Reader, der diese auch nutzt, hat sich bisher nicht geäußert, es könnte aber auch hier zu Problemen kommen. Workaround: Auf die iOS-Stimmen umschalten, die beide Apps unterstützen.

Für Entwickler

Entwickler können jetzt abfragen, ob bestimmte visuelle Anpassungen ein- oder ausgeschaltet sind, und können ihr Design entsprechend anpassen, um auf die Nutzerwünsche Rücksicht zu nehmen.

Weiterhin ist es möglich, eigene Aktionen für den VoiceOver-Rotor zu definieren, so dass z. B. Wischgesten nach links und rechts, wenn VoiceOver ausgeschaltet ist, hier für VoiceOver leichter zugänglich gemacht werden können, ohne gleich auf so aufdringliche Dinge wie extra Alert Views zurückgreifen zu müssen.

Für diese und alle weiteren neuen Möglichkeiten empfehle ich Entwicklern das Anschauen des 2014er iOS Accessibility Videos von der WWDC und das Studium der zugehörigen Beispiel-App HelloGoodbye. Ein Update meiner Seite zur Zugänglichkeit für VoiceOver folgt in den nächsten Tagen.

Fazit

Wie dieser Artikel zeigt, gibt es viele neue Funktionen und Möglichkeiten für Entwickler, diese auch auszunutzen. Die Möglichkeiten, die sich durch die Brailleeingabe, die Tastaturen, die Unterstützung von Touch ID und andere neue Funktionen bieten, machen Spaß und Lust auf mehr! Die neuen Einstellmöglichkeiten für die Darstellung beim Zoom, Farben abdunkeln o. ä. haben in meinem Umfeld schon für viel Wohlwollen gesorgt, nicht nur bei Sehbehinderten. Die Bildschirm-Lesen-Funktion eröffnet z. B. Autofahrern ganz neue Möglichkeiten, Inhalte auf ihrem iPhone zu konsumieren, ohne die Aufmerksamkeit von der Straße nehmen zu müssen.

Trotz der oben aufgeführten Bugs ist iOS 8 definitiv ein sehr lohnenswertes Upgrade, das viele tolle neue Funktionen bietet, deren ganzes Potential sich erst im Alltagsgebrauch erschließt.

Viel Spaß beim Entdecken!

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Apple Zugänglichkeit

Im Test: 2. Generation der Logitech Ultrathin Keyboard Cover für iPad

Seit meinem Test von iPad-Tastaturen im November 2013 hat es bei einer dem der getesteten Kandidaten eine Neuauflage gegeben. Logitech hat seine Ultrathin Keyboard Cover für iPad Air und iPad Mini und iPad Mini mit Retina Display aufgefrischt. Diese Auffrischung passierte bereits im April, ich bekam die Cover nur erst jetzt in die Finger und konnte mir die Neuerungen anschauen. Hier ist mein Bericht.

Sowohl das Ultrathin Keyboard Cover mit Magnetclip für iPad Air als auch das für iPad Mini und iPad Mini mit Retina Display sind noch einmal dünner und leichter geworden. Sie sind jetzt nur noch 6,4 mm dick (vorher 7,3 mm) und wiegen 322 g (iPad Air) bzw. 210 g (iPad Mini). Dies tut aber dem Tastaturanschlag und Druckpunkt keinen Abbruch. Das Gehäuse ist im Vergleich zum Vorgänger nun aus einem Guss gefertigt, während beim Vorgängermodell der Teil, der die Tastatur enthielt, eindeutig aufgeklebt war. Die gesamte Verarbeitung fühlt sich durchdachter an. Beim ersten Modell hatte ich teilweise den Eindruck, dass dieses „mit der heißen Nadel gestrickt“ und irgendwie trotz seiner Qualität unfertig war.

Eine Neuerung ist die Möglichkeit, das iPad im Neigungswinkel zwischen 50 und 70 Grad zu verstellen. Die Schiene hinter der Tastatur, in der das iPad steht, lässt sich mit leichtem Druck aufs iPad verstellen, das iPad kippt weiter nach hinten. Dabei sitzt es jedoch weiterhin sicher in seiner Halterung. Um es wieder aufrechter hinzustellen, drückt man leicht auf den Teil der Schiene vor dem iPad-Bildschirm, der beim Nach-Hinten-Kippen etwas aus dem Gehäuse herauskam. Ich habe festgestellt, dass dieser verstellbare Neigungswinkel nicht nur für Sehende praktisch ist, sondern auch mir die Bedienung des Touchscreens erleichtert, wenn es etwas nach hinten gekippt ist, da ich meine Hand nicht ganz so steil abwinkeln muss.

Eine weitere Neuerung betrifft die Halterung für das iPad, die man verwendet, um es zuzuklappen. Man entnimmt das iPad aus der Schiene hinter der Tastatur und lässt es beidseitig bündig nach hinten gleiten. Die Schiene, die das iPad nun aufnimmt, klappt sich automatisch aus dem Gehäuse und nimmt das iPad entgegen. Die alte angeflanschte Schiene, die auch gern mal geklappert hat, gibt es nicht mehr. Diese Bewegung, das iPad in diese neue Halterung zu schieben, erfordert bei den ersten zwei, drei Versuchen etwas Übung, aber wenn man den Dreh einmal raus hat, geht das Auf- und Zuklappen des iPad super schnell.

Diese neue Halterung bedingt auch, dass das iPad und die Tastatur im zugeklappten Zustand besser zusammen halten. Dies war der einzige Kritikpunkt an der ursprünglichen Ausführung, den ich hatte, und die neue Bauweise macht hier einen deutlich besseren Eindruck.

Die Tastatur fürs iPad Air ist eine vollwertige Tastatur mit separaten Reihen für Ziffern und Funktionstasten, bei der Tastatur fürs iPad Mini sind die Ziffern- und Funktionstasten in einer Reihe vereint und man löst die Funktionstasten aus, indem man die Zifferntasten zusammen mit der FN-Taste unten links bedient. Die Tasten fürs iPad Mini haben ins gesamt eine eindeutigere Kuhle für die Fingerkuppen, während die Tasten fürs iPad Air eine solche eindeutige Vertiefung nicht aufweisen. Ich habe festgestellt, dass diese Vertiefungen auf der Mini-Tastatur mir beim Tippen und zur Orientierung sehr helfen.

Und noch etwas ist bemerkenswert: Die Anleitung für die Air– und Anleitung für die Mini-Tastatur sind beides barrierefreie PDFs inklusive Auszeichnungen für die verschiedenen enthaltenen Sprachen! Vorbildlich!

Fazit: Dieses Upgrade lohnt sich für Vielschreiber allemal! Ich empfinde diese Überarbeitung als sehr gelungen und die Tastatur eine sehr lohnenswerte Anschaffung.

Ein Hinweis zu den Bezugsquellen: Bei Amazon ist nicht eindeutig erkennbar, welches Modell der Tastaturen man bekommt. Sämtliche Produktinfos wie Modellnummern usw. weisen nach wie vor auf die alte Variante hin. Ob Amazon die Bestände lediglich aktualisiert, dies aber nicht in seinen Produktinfos angegeben hat, ist nicht feststellbar. Die Links am Anfang des Artikels verweisen daher auf die Seiten des Herstellers. Und bei Apple bekommt man die neuen Varianten auch, Apple hat die Bestände ersetzt.

Viel Spaß beim Schreiben!

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Allgemein NVDA

Wie man mit NVDA den Bildschirm erkundet

Neulich wurde ich per E-Mail gefragt, ob ich nicht einmal etwas über die verschiedenen Cursor und Navigationsmodi des NVDA schreiben könnte. Der Autor und offenbar viele andere Umsteiger von kommerziellen Screen Readern kämen mit dem andersartigen Konzept von NVDA nicht gut zurecht. Nun denn, los geht’s!

Ein wenig Geschichtliches

Als die Screen Reader Anfang der 1990er Jahre die Windows-Welt erschlossen, gab es noch keine echten Programmierschnittstellen, um grafische Informationen per Sprachausgabe oder anderen alternativen Ausgabemedien zugänglich zu machen. Die einzige Möglichkeit war, sich per diverser schmutziger Tricks in alle möglichen dokumentierten und undokumentierten Kanäle von Windows zu hängen und Informationsflüsse abzugreifen. Daraus erstellten die Screen Reader sich dann ihre eigenen Datenbanken, ein sogenanntes off-screen model. Diese Technik wurde mit Windows 3.1 eingeführt und blieb bis zum Auslaufen von Windows Millennium quasi unverändert in den Home-Betriebssystemen bestehen.

Unter Windows NT 4 musste eine etwas andere Art der Informationsbeschaffung genutzt werden, nämlich ein Grafiktreiber, der vor den eigentlichen Treiber geschaltet wurde und so die Informationen, die eigentlich für die Grafikkarte bestimmt waren, erst abschnorchelte und dann weitergab. Diese Technik blieb bis einschließlich Windows XP unverändert bestehen.

In Windows Vista und 7 verbot Microsoft diese Art der Abschnorchelung und schaffte eine Alternative Möglichkeit, einen sogenannten Spiegeltreiber, der die Informationen von Microsoft parallel zur Grafikkarte erhielt. Aber immer noch bestand eine der Hauptinformationsquellen der kommerziellen Screen Reader wie JAWS, Window-Eyes & Co. aus diesen abgeschnorchelten und somit nicht klar definierten Daten.

Parallel gab es natürlich Entwicklungen wie Microsoft Active Accessibility (MSAA), mit denen Microsoft 1997 begann, grafische Informationen auf eine standardisiertere Weise zugänglich zu machen. Diese und andere ihr nachfolgende Methoden wie Microsofts eigener Nachfolger UI Automation (UIA), die Java Accessibility Bridge benötigen kein „Abkratzen“ grafischer Informationen mehr, sondern stellen alle benötigten Informationen über Namen, Rollen und Zustandsangaben selbst zur Verfügung. Auch die Bildschirmpositionen sind hierüber abfragbar.

Da es aber unter Windows bis heute möglich ist, Anwendungen zu schreiben, die diese Programmierschnittstellen nicht bedienen, haben sich die kommerziellen Screen Reader weiterhin auf ihre Off-Screen-Modelle verlassen, um Informationen zu erhalten. Zumeist ist dies in JAWS & Co. bis heute und bis Windows 7 die Hauptinformationsquelle, obwohl die Informationen, die MSAA & Co. bieten, deutlich besser sind und nicht von z. B. abgeschnittenen Texten verunstaltet werden

Mit Windows 8 ist nun endgültig Schluss mit der Abschnorchelei von Grafiktreiberinformationen. Microsoft hat den Laden dicht gemacht, so dass so Dinge wie der JAWS Cursor unter Windows 8 fast nichts mehr sehen. Es gibt noch einige wenige Aufrufe definierter Methoden, die Microsoft erlaubt, aber die nützen in der Regel nichts mehr.

Die Lösung des Problems

Die Lösung heißt bei JAWS Touch Cursor. Und dies ist quasi ein Abgucken dessen, was NVDA schon seit Anbeginn macht, nämlich eine Bildschirmerkundung auf Basis der besseren, weil definierten, Daten der Programmierschnittstellen MSAA und UIA. Andere Betriebssysteme wie iOS; Mac und Linux/Gnome funktionieren ausschließlich auf diesen Prinzipien, und NVDA hat sich als wesentlich jüngeres Screen-Reader-Projekt unter Windows gar nicht erst mit alten Zöpfen abgegeben, sondern den modernen Ansatz gewählt.

Und NVDA gibt den ganzen Objekten hierarchische Ordnung. Container werden als solche bezeichnet und behandelt, und wenn man sich ihren Inhalt anschauen möchte, muss man hineinzoomen. Mac-Anwender kennen dieses Konzept als Interagieren von VoiceOver mit bestimmten Elementen.

Auch NVDA unterstützt die verschiedenen wenigen Bildschirm-Abfrage-Möglichkeiten inzwischen, aber bei ihnen ist es eine erst vor einigen Jahren erfolgte Nachreichung, um bestimmte Lücken zu schließen, nicht die primäre Informationsquelle.

Die verschiedenen Cursor

Auch NVDA kennt verschiedene Cursor bzw. Zustände. Da wäre zunächst der Systemfokus, der immer da ist, wo die Tastatureingaben gerade hin gehen. Das JAWS-Äquivalent ist der PC Cursor. NVDA nennt dies Fokus-Modus.

Dann gibt es den Browse-Modus, der immer dann aktiv ist, wenn in Webinhalten navigiert wird. Dies ist das Äquivalent zum virtuellen PC Cursor von JAWS.

Und dann gibt es den NVDA-Cursor, manchmal auch als Objektnavigator bezeichnet. Dies ist der Modus, der immer den gesamten Baum von Bildschirmobjekten im Blick hat. Sein Ausgangspunkt ist standardmäßig die Position bzw. das Objekt des Fokus- oder Browse-Modus. Ja, ist man in Text im Web unterwegs, ist der Ausgangspunkt tatsächlich der Absatz, auf dem man sich gerade befindet. Man braucht nicht umzuschalten, sondern legt gleich mit der Erkundung los:

  • Mit NVDA-Taste und den Ziffernblocktasten 4 und 6 geht man auf einer Ebene ein Objekt zurück oder vorwärts. Im Laptop-Layout ist die Tastenkombination NVDA-Taste+Umschalt-Taste+Pfeil links oder rechts. Auf einem Touchscreen unter Windows 8 und 8.1 mit zwei Fingern nach links oder rechts wischen. Das Wischen mit einem Finger bewegt den objektnavigator zum nächsten oder vorherigen Element dem Bildschirmlayout entsprechend und hat keine Entsprechung per Tastatur.
  • Um eine Ebene nach oben zu gehen, also zum Container, der das aktuelle Objekt enthält, drückt man NVDA+Ziffernblocktaste 8 bzw. NVDA+Umschalt-Taste+Pfeil rauf. Um in einen Container hineinzuzoomen, drückt man entsprechend NVDA+Ziffernblocktaste 2 oder NVDA+Umschalt-Taste+Pfeil nach unten. Auf einem Touchscreen wischt man nach oben bzw. unten.
  • Um die Standardaktion des aktuellen Elements im Objektnavigator auszuführen wie einen Schalter zu aktivieren, drückt man NVDA+Ziffernblocktaste Eingabe bzw. NVDA+Eingabe auf dem Laptop, oder man führt einen Doppeltipp auf einem Touchscreen aus. Es ist also nicht nötig, die Maus zu diesem Objekt zu ziehen und dort zu klicken.

Standardmäßig arbeitet NVDA in einem reduzierten und somit übersichtlichen Objektnavigator-Baum, der unnötige Zwischencontainer und leere Elemente ausblendet. Um wirklich eine haargenaue Darstellung zu bekommen, kann man in den NVDA-Einstellungen unter NVDA-Cursor aber den genauen Modus anschalten, indem man das Kontrollfeld „Einfacher Darstellungsmodus“ deaktiviert.

Es ist auch möglich, mit den oben beschriebenen Navigatortasten den Bildschirm zu erkunden, so wie der Sehende ihn sieht, aber das ist nur ein sekundärer Modus, der eigentlich nur in Ausnahmefällen wie manchen Dialogen von Total Commander o. ä. nützlich ist. Man schaltet ihn mit NVDA+Ziffernblocktaste 7 bzw. NVDA+Umschalt-Taste+Seite Rauf ein und NVDA+Ziffernblocktaste 1 bzw. NVDA+Umschalt+Seite Abwärts wieder aus. Bitte beachten: Dies entspricht nicht der Erkundung eines Touchscreens, sondern dem doch sehr rudimentären Konzept des JAWS Cursors oder ähnlicher Konzepte bei anderen kommerziellen Screen Readern.

Wenn man ein Notebook mit Touchpad, eine angeschlossene Maus am PC oder einen Convertible mit Touchscreen oder gar ein Windows Tablet hat, auf dem NVDA läuft, kann man außerdem einfach mit der Maus bzw. dem Finger den Bildschirm erkunden. NVDA gibt gesprochenes Feedback, orientiert sich aber wieder ausschließlich an per Programmierschnittstellen ordentlich wiedergegebenen Objekten. Hat man ein Element gefunden, auf das man klicken möchte, kann man entweder mit der Maus bzw. dem Touchpad klicken oder ein Doppeltippen ausführen, weil der Objektnavigator dem Finger folgt.

Man kann aber auch die Maus zum Navigatorobjekt ziehen, nämlich mit NVDA+Zifferntaste Minus bzw. NVDA+Umschalt+M. Ein Mausklick mit der linken Taste wird dann mit Ziffernblocktaste Schrägstrich bzw. NVDA+Ü ausgeführt, ein rechter mit Ziffernblocktaste Sternchen oder NVDA+Plustaste.

Text erforschen und kopieren

Innerhalb eines Navigatorobjekts kann man auch Text erforschen und kopieren. Die Ziffernblocktasten 7, 8 und 9 gehen dabei eine Zeile rauf, lesen die aktuelle Zeile oder gehen zur nächsten Zeile. Die Ziffernblocktasten 4, 5 und 6 tun das gleiche mit dem aktuellen Wort, die Ziffernblocktasten 1, 2 und 3 tun das gleiche mit dem aktuellen Zeichen. Links geht immer eines zurück, die Mitte liest, rechts geht eines weiter. Das funktioniert übrigens auch wunderbar in der Eingabeaufforderung.

Für Laptops sind die Tasten wie folgt: NVDA+Pfeiltasten links und rechts lesen zeichenweise, NVDA+Pfeil rauf und runter lesen zeilenweise, NVDA+Strg+Pfeil links und rechts lesen wortweise. NVDA+Satzpunkt liest das aktuelle Zeichen, NVDA+Umschalt-Taste+Satzpunkt liest die aktuelle Zeile und NVDA+Strg+Satzpunkt liest das aktuelle Wort.

Auch mit Touchscreens kann man Text erforschen: Zunächst schaltet man mit wiederholtem Tippen mit drei Fingern in den Textmodus um. Danach bewirkt ein Streichen mit einem Finger nach links und rechts ein Lesen des vorherigen bzw. nächsten zeichens, nach oben und unten navigiert zeilenweise, und mit zwei Fingern nach links und rechts streichen liest das vorherige bzw. nächste Wort. Das aktuelle Wort wird durch nach oben wischen vorgelesen, eine Geste, die stärker ist als das Streichen.

Zum Lesen der aktuellen zeile des Systemcursors, also dessen, wo sich gerade die Tastatureingaben abspielen, gibt es einen gesonderten Befehl. Auf Desktops ist dies NVDA+Pfeil Rauf, und zwar die Pfeiltaste der normalen Tastatur. Da diese auf Laptops bereits belegt ist (siehe oben), gibt es dort den Befehl NVDA+L.

Möchte man beliebigen Text vom Bildschirm kopieren, geht man wie folgt vor:

  1. Man bewegt sich mit den entsprechenden Navigationsbefehlen auf den Textanfang, den man markieren möchte und drückt NVDA+F9.
  2. Man bewegt sich nun aufs Ende des zu markierenden Textes und drückt NVDA+F10. Das Zeichen unter dem Navigator-Cursor wird dabei in die Auswahl mit einbezogen.

Der Text wird nun sofort in die Zwischenablage kopiert und kann weiterverwendet werden. Wichtig ist, dass man erst den Startpunkt markiert, eine umgekehrte Reihenfolge, also von Ende zu Anfang markieren, wird von NVDA nicht unterstützt. Auch auf Touchscreens wird diese Funktion zur Zeit nicht unterstützt.

Ein Beispiel

Ein Beispiel, nach dem ich konkret in der Mail gefragt wurde, soll nun folgen, nämlich das Erfassen der Eigenschaften einer Datei. Ich habe mir mal ein Dokument vorgenommen und seine Eigenschaften mit Alt+Eingabetaste geöffnet. Die unten stehenden Schritte erläutern das Vorgehen unter Windows 8.1, sollten aber ähnlich auch in Windows 7 funktionieren.

  1. Der Fokus landet bei mir auf dem Kontrollfeld „Schreibgeschützt“. Weiterhin liest NVDA einmal den gesamten Sermon des Dialogs vor, aber das kann sich ja kein Mensch so schnell merken!
  2. Also beginne ich mal, indem ich mit dem navigator zum Elternelement gehe. Das ist NVDA+Pfeil Rauf bzw. NVDA+Umschalt+Pfeil Rauf auf Laptops. Ich lande auf „Allgemein Eigenschaftsseite“. Jetzt kann ich beginnen, die Infos von vorn nach hinten zu lesen.
  3. Ich drücke nun die Tastenkombination zum Reinzoomen, also das erste Kindelement dieser Eigenschaftsseite zu lesen. Das ist NVDA+Ziffernblock 2 bzw. NVDA+Umschalt+Pfeil Runter auf Laptops.
  4. Ich lande auf einer unbeschrifteten Grafik. Das ist keine Grafik, die er durch Bildschirmabkratzen gefunden hat, sondern eine, die tatsächlich ohne Beschriftung so definiert wurde. Nun wandere ich mit NVDA+Ziffernblock 6 bzw. NVDA+Umschalt+Pfeil Rechts Objekt für Objekt weiter. Als erstes kommt der Dateiname, dann wieder eine Grafik, dann der Dateityp, dann ein Öffnen mit, dem sogar noch ein Button fürs Ändern folgt, und dann der Dateipfad. Na,e, Typ und Dateipfad sind schreibgeschützte Eingabefelder. Mit Tab komme ich nicht zu allen hin, mit dem Objektnavigator schon, und vor allem kann ein Sehender mit der Maus reinklicken, um z. B. den Pfad o. ä. zu kopieren. Nun, wir können das auch.
  5. Mit NVDA+Eingabetaste setze ich den Fokus in das Eingabefeld Pfad. Das bewirkt, dass der Systemfokus sich ändert und wir ab sofort wieder damit interagieren. jetzt kann ich z. B. mit Strg+A den Text markieren, wenn das noch nicht der Fall ist und ihn mit Strg+C kopieren.
  6. Mit NVDA+Ziffernblock 6 bzw. NVDA+Umschalt+Pfeil Rechts kann ich jetzt einfach weiter navigieren, wir sind ja schon ein gutes Stück weit gekommen und müssen nicht wieder von vorn anfangen.
  7. Wandert mal weiter bis zum Schalter „Erweitert“. Ein Weiterwandern verursacht die Meldung „Kein weiteres objekt“. Hier sind wir also am Ende angekommen. Wie in Schritt 2 können wir jetzt wieder zum Elternelement wandern und z. B. gucken, was es auf der Ebene noch gibt. Da finden sich bei mir als nächstes, also nach der Allgemein Eigenschaftsseite, noch der OK Button, der Abbrechen Button und ein Container namens Registerkarte, der die Tabs Allgemein und Details enthält.

Alles klar? 🙂

Fazit

Ich hoffe, dass mit dieser kleinen Einführung etwas Licht ins Dunkel der verschiedenen NVDA-Modi gebracht wurde! Wichtig ist sich klarzumachen, dass bei NVDA alles standardmäßig ein Objekt mit ordentlichen Eigenschaften ist und nicht eine platte Bildschirmdarstellung ohne semantischen Bezug zu dem, was das objekt ist, was es tut und in welchem Zustand es sich befindet. Und eines noch: Es gibt keine Möglichkeit, Grafiken zu beschriften. Dieser Altlast hat sich NVDA niemals bedient. 😉

Gerade wenn man schon mit VoiceOver auf dem Mac vertraut ist, kommen einem viele Konzepte hier wieder bekannt vor. Man hat immer eine genaue Kontrolle darüber, welche objekte da sind und welche nicht, und es gibt keine Ungenauigkeiten außer denen, die tatsächlich aus Fehlern in Anwendungen resultieren. Aber Ungenauigkeiten durch Bildschirmneuaufbauten, durch die kommerzielle Screen Reader schon immer gern mal aus dem Tritt gerieten, gibt es bei NVDA nicht.

Viel Spaß beim Erforschen! 🙂