Ein paar Tipps zu Mastodon

Seit fast zwei Jahren macht ein soziales Netzwerk namens Mastodon immer wieder von sich reden. Zuletzt erhielt dieses Netzwerk Mitte November großen Zuwachs in Indien, nachdem es bei Twitter diverse Kontosperrungen und -löschungen gab, bei denen vermutet wird, dass sie politisch motiviert waren. Zeit, sich das mal etwas näher anzuschauen, vor allem auch im Hinblick auf Barrierefreiheit.

Was ist Mastodon?

Mastodon ist eigentlich gar kein Netzwerk, sondern der Name einer von mehreren Apps, die alle einen gemeinsamen offenen Standard zum Austausch von Nachrichten, Posts und Interaktionen verwenden. Dieser Standard heißt ActivityPub und wurde beim World Wide Web Consortium, dem W3C, entwickelt. Das ist dieselbe Organisation, die auch den HTML-Standard veröffentlicht, aus dem Webseiten gebaut werden. Weitere Apps, die diesen Standard unterstützen, sind u. A. PixelFed, eine Instagram-Alternative, PeerTube, eine alternative Videoplattform zu YouTube, oder FriendiCa, eine Art Eier legende Wollmilchsau, die alle möglichen offenen Protokolle unterstützt. Selbst in WordPress kann man mit geeigneten Plugins dafür sorgen, dass der eigene Name im ActivityPub-Netzwerk mit der eigenen Domain bekannt wird und man das Blog so abonnieren, diesem „User“ also folgen kann.

Dabei haben all diese Apps eines gemeinsam. Sie erheben keinen Anspruch, allein für alles zuständig zu sein. Sondern ähnlich wie bei E-Mails kann es zig verschiedene Server geben, die diese App laufen lassen. In diesem Zusammenhang spricht man von Instanzen. Es ist eben nicht „das Mastodon“ oder „das PeerTube“, sondern jeder, meist von Privatpersonen betriebener, Server ist eine Instanz dieser Anwendung. Und diese können, genau wie E-Mails auch, sich untereinander austauschen. Nur dass hier, ähnlich wie alte Hasen das von Newsgroups oder noch früher Verbunden von Mailbox-Systemen kennen dürften, nicht nur private, sondern auch öffentliche Nachrichten ausgetauscht werden. Jeder User einer Instanz kann Usern anderer Instanzen folgen, sie also abonnieren. Man muss lediglich deren vollständige Adresse, die einer E-Mail-Adresse nicht unähnlich ist, kennen.

Es ist also völlig üblich, von Mastodon, dessen Schwerpunkt Textnachrichten sind, jemandem bei PixelFed oder PeerTube zu folgen und deren Bilder oder Videos genauso in der eigenen Zeitleiste angezeigt zu bekommen wie die Statusnachrichten anderer Mastodon-User. Versucht euch das mal mit Twitter, Instagram und YouTube vorzustellen! 🙂

Mastodon ist allerdings wohl inzwischen der bekanteste Vertreter, weswegen oft gesagt wird, man sei bei Mastodon. Eigentlich meint man, man sei eben in diesem föderierten Netzwerk, dem Fediversum oder auch Fediverse. Denn das ist der offizielle Ausdruck: Diese Server föderieren miteinander, verteilen die öffentlich zugänglichen nachrichten untereinander, so dass jeder überall das lesen kann, was andere öffentlich geschrieben, fotografiert oder gedreht haben. Und wenn Du Dir dies lieber nochmal als (allerdings englischsprachiges) Video anschauen möchtest, kannst Du das in dieser Einführung auf PeerTube (öffnet in neuem Tab) tun.

Besonderheiten von Mastodon gegenüber Twitter

Bleiben wir aber mal bei Mastodon, das Twitter nicht unähnlich ist, und Twitter dürften viele Leser dieses Blogs kennen. Wie bei Twitter verfasst man auch bei Mastodon Statusnachrichten. Im Gegensatz zu Twitter ist die Standardlänge bei Mastodon aber nicht 280, sondern 500 Zeichen. Auch an diese Statusnachrichten kann man Bilder oder Videos, in manchen Apps auch Audio-Dateien, anhängen. Mastodon hatte von Anfang an die Möglichkeit an Bord, Bildbeschreibungen hinzuzufügen. Bei Mastodon erstrecken sich diese sogar auf Gifs und Videos, so dass man auch hier hinterlegen kann, was eine Animation oder ein Video zeigen werden. Manche Apps kann man sogar so einstellen, dass sie das Erstellen einer Bildbeschreibung erzwingen, bevor man den Post absetzen kann.

Eine weitere Besonderheit sind die verschiedenen Zeitleisten, die es auf Mastodon-Instanzen gibt. Die Home-Zeitleiste bzw. Startseite ist das, was man auch von Twitter her kennt. Hier erscheinen die Posts von denjenigen, denen man folgt, inklusive Antworten an gemeinsame Follower. Im Gegensatz zu Twitter ist diese Zeitleiste streng umgekehrt chronologisch, also immer von der neuesten zur ältesten Nachricht. Daneben gibt es aber auch die lokale Zeitleiste, die alle öffentlichen Posts der Mitglieder dieser einen Instanz enthält. Man muss diesen Mitgliedern nicht folgen, um diese zu sehen. Mehr zu den Privatsphäre-Einstellungen zu den Statusnachrichten kommt gleich. Und als letztes gibt es noch die sogenannte föderierte Zeitleiste. Das sind alle öffentlichen Nachrichten von dieser Instanz und den Instanzen, mit denen diese Instanz sich austauscht. Das können also sehr viele sein.

Einer der größten Unterschiede zu Twitter sind die vier verschiedenen Privatsphäreeinstellungen für die Statusnachrichten, die bei Mastodon Toots heißen. Diese sind:

  • Öffentlich: Der Toot ist für alle sichtbar, auch in der lokalen und föderierten Zeitleiste.
  • Ungelistet: Der Toot ist im Profil sichtbar, Follower und auch Besucher können ihn lesen, er wird aber nicht in der lokalen und föderierten Zeitleiste geführt.
  • Nur Follower: Der Toot ist nur für diejenigen sichtbar, die diesem Account folgen.
  • Direkt: Der Toot ist nur für diejenigen sichtbar, die sich in den Erwähnungen befinden. Dies ist das Äquivalent zu Direktnachrichten bei Twitter. Gruppen-DMs erstellt man also, indem man alle User, die man in der Gruppe haben möchte, einfach erwähnt.

Als Konvention hat sich verbreitet, dass man gern öffentlich einen Thread anfangen darf, Folge-Toots aber dann als ungelistet weitergeschrieben werden sollten, um die zeitleisten nicht mit mehreren schnell aufeinander folgenden Toots zum gleichen Thema vollzumüllen. Abgesehen davon sollte man sich überlegen, ob ein Thread, der über mehr als zwei Toots, also maximal 1000 Zeichen, hinaus geht, nicht schon einen Blogbeitrag rechtfertigen würde. Auch ist es gern gesehen, wenn man auf einen öffentlichen Toot antwortet, dass diese dann ungelistet oder nur für Follower erfolgen, damit gemeinsame Folgende nicht die ganze Konfersation in der öffentlichen oder föderierten Zeitleiste sehen.

Und der größte Clou an Mastodon sind die sogenannten Inhaltswarnungen, im Jargon auch Content Warning oder CW genannt. Hierbei handelt es sich um kleine Texte, die man einbauen kann und die dann zunächst anstatt des vollständigen Toots angezeigt werden. Erst wenn der Nutzer explizit darauf klickt oder tippt, wird der Text des vollständigen Toots angezeigt. Auch Bilder lassen sich zusätzlich als sensibel markieren und werden erst nach einem Klick auf den Platzhalter angezeigt. So ist es z. B. Möglich, Bilder von Essen mit zugehörigem Toot mit der CW „Food (englisch für „Essen“, zu versehen, und die Nutzer können sich dann selbst aussuchen, ob sie sich das Essen anschauen, das Rezept durchlesen o. Ä. Wollen oder gerade nicht. Auch Toots zu politischen Themen können so versteckt werden. Will man nicht den hundertsten Toot zum Brexit oder zur US-Politik lesen, muss man dies nicht tun. Auch sexuell anzügliche oder explizite Inhalte und Darstellungen kann und sollte man so verbergen. Viele Instanzen verlangen dies sogar in ihren Nutzungsregeln.

Dies alles dient einem entspannteren Miteinander. Man zwingt seinen Mitlesern bestimmte Themen einfach nicht wie bei Twitter auf, indem man ohne Vorwarnung was zu Politik, Gewalt, psychischen Problemen, Essen o. Ä. Schreibt oder ein Selfie postet, das dem Betrachter direkt in die Augen sehen könnte. Das ist nämlich manchen Leuten auch unangenehm, so dass sich durchgesetzt hat, dass man solche Selfies mit der Inhaltswarnung „Selfie, eye contact“ („Selfie, Augenkontakt“) versteckt. Wer möchte, kann es sich ansehen, wer es nicht möchte, muss es nicht tun.

Zugänglichkeit

Wie die oben schon erwähnte Rücksichtnahme zeichnet Mastodon bzw. das gesamte Fediverse sich durch eine überwiegend positive Haltung zu den Themen Inklusion und Zugänglichkeit aus. Das Ziel ist, dass die Gemeinschaft für alle da ist und Menschen mit unterschiedlichstem Hintergrund willkommen heißt. So hatte Mastodon von Anfang an das Feature zur Beschreibung von Bildern im Gepäck. Twitter brauchte zehn Jahre vom Start der Plattform bis zur Implementierung der Bildbeschreibungen, und für viele Nutzer ist diese Funktion im hauseigenen Twitter-Client bis heute hinter einer Konfigurationsoption versteckt, die man erst einschalten muss. Der ActivityPub-Standard sieht sogar vor, dass Bildbeschreibungen über Instanzgrenzen hinweg transportiert werden können. Man kann also auch in PixelFed eine Bildbeschreibung hinzufügen und diese erscheint dann auch in Mastodon. Traumhaft, oder?

Da Mastodon wie auch die anderen bis jetzt erwähnten Apps des Fediverse quelloffene Software sind, kann jeder Mensch mit Programmierkenntnissen Verbesserungen einreichen, nicht nur Fehler melden, sondern tatsächlichen Code beisteuern. So sind einige Funktionen der Zugänglichkeit in Mastodon durch Beiträge anderer Mitglieder als der Hauptentwickler in die Software eingeflossen. Mastodon selbst hat an einigen Stellen durchaus noch Haken und Ösen, aber neu eingereichte Bugs werden stets mit den richtigen Labels versehen, damit man den Fortschritt nachverfolgen kann. Allerdings gibt es auch teilweise hitzige Diskussionen, wie z. B. zum Unterstreichen von Links.

Es gibt also auch hier immer wieder Verbesserungsbedarf, allerdings rennt man nicht gegen eine Wand einer millionenschweren Aktiengesellschaft, sondern kann im Zweifelsfall selbst Hand anlegen oder jemanden fragen, die oder der dies könnte, ob dafür gerade Zeit ist, auszuhelfen.

Und da es quelloffene Software und offene Standards sind, mit denen wir hier zu tun haben, bedeutet dies auch, dass es barrierefreie Alternativen gibt, wo es bei Mastodon selbst hakt. Man braucht Mastodon zwar zum Erstellen eines Accounts und für manche Einstellungen, und dies ist auch zugänglich, und alles weitere kann man dann über andere Apps regeln.

Gut zugängliche Apps

Die folgenden Apps sind aus meiner Sicht gut für Mastodon zugänglich:

  • Pinafore: Ein Web-Client mit sehr guter Screen-Reader- und Tastaturunterstützung sowie vielen verschiedenen Themes für fast jeden Geschmack.
  • Toot!: Ein iOS-Client mit inzwischen sehr guter VoiceOver-Unterstützung, Unterstützung für den Dunkelmodus und einer sehr positiven Einstellung gegenüber marginalisierten Gruppen. Es hat etwas gedauert, bis die Unterstützung für VoiceOver kam, aber jetzt, wo sie da ist, ist sie super.
  • Tusky: Ein toller Client für Android, der sehr zugänglich mit TalkBack ist und auch visuell einige Anpassungsmöglichkeiten bietet. Die Entwickler sind sehr offen und engagiert.

Es gibt natürlich noch weitere Apps wie Mast für iOS, FediLab für Android, und weitere, allerdings sind die obigen diejenigen, die ich selbst am intensivsten getestet habe und auch produktiv einsetze.

Neugierig geworden? Dann suche Dir eine vorhandene Instanz oder hole Dir eine eigene. Und wenn Du möchtest, folge mir doch gleich und schicke mir eine Nachricht.

Veröffentlicht von Marco

Jahrgang 1973, 80er-Jahre-Kind, Katzenliebhaber, verheiratet mit der besten Ehefrau von der Welt, blind, Barrierefreiheit, technikaffin

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