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Ich bin Team Behinderter und Team Blinder

Mir wurde heute morgen durch Jürgen Fleger dieser Artikel in die Twitter-Timeline gespült, und ich kann mich ihm zu 100% anschließen. Ich bin „Team Behinderter“ und auch „Team Blinder“.

Dieses Phänomen, das Rebecca so treffend in ihrem Artikel beschreibt, beobachte ich schon seit über 20 Jahren mit zunehmender Verstörung. Besonders das auch von ihr dankenswerterweise aufgegriffene Wort „andersfähig“, zuerst gehört im sozialpädagogischen Kontext einer Gruppe von Studierenden, fand ich dabei immer besonders ekelhaft. Ja, ekelhaft, weil es meiner Meinung nach eine schlimmere Verharmlosung, Verniedlichung von Behinderung kaum geben kann.

Genauso beobachte ich, dass immer krampfhaft versucht wird, Umschreibungen für das Wort „blind“ oder „Blinder“ zu finden. Das schon sehr alte „Sehgeschädigte“ trifft’s da immer noch irgendwie am besten, wobei es in meinem Fall auch nicht stimmt, denn da wurde nie etwas geschädigt oder beschädigt, ich kam schon so zur Welt. „nicht Sehende“ wird auch gern genommen, wobei das sogar mal von jemandem so kommentiert wurde, dass das ja gar nicht stimmen könne, denn ich würde ja so viel mehr sehen als diese Person. Natürlich mit einem romantisch verklärten Unterton in der Stimme. Nun ja.

„Seheingeschränkt“ oder „Menschen mit Seheinschränkungen“ laufen mir als Begriffe auch oft über den Weg. Da kann ich nur sagen: Bei mir ist nichts eingeschränkt, da ist schlicht nichts vorhanden, was man irgendwie als Sehfähigkeit ernst nehmen könnte, außer vielleicht dem Hell-dunkel-Sehen, das aber auch schon von Geburt an so ist und sich im Lauf des Lebens nicht verändert hat, also weder „eingeschränkt“ wurde noch anders herum. Tja, blind ist eben nicht gleich blind, aber eben doch ziemlich eindeutig.

Ich korrigiere andere übrigens auch offensiv, wenn sie versuchen, meine Behinderung oder Blindheit mit irgendwelchen Wortverrenkungen umschreiben zu wollen. Ich ernte dabei durchaus auch schon mal Erleichterung, dass ihnen „erlaubt“ wurde, das „böse Wort“ zu sagen, denn ich habe ihm dann ja meinen „Segen“ gegeben. Amen.

Ja, ich bin definitiv jemand, der immer Behinderter, Behinderung, Blindheit da sagen wird, wo sie angebracht ist und Sehbehinderung in anderen Fällen. Ich werde niemandem Honig um den vielleicht vorhandenen Bart schmieren, nur damit sie sich besser fühlen. Sie sollen sehen, wenn mich meine Umgebung behindert, und sie sollen sehen, dass man mit einer Behinderung, die in meinem Fall gleichzeitig eine Blindheit ist, selbstbestimmt und gut und optimistisch und fröhlich leben kann. Aber eben auch, dass sie manchmal echt nerven kann. Das muss nämlich auch erlaubt sein.

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3 Antworten auf „Ich bin Team Behinderter und Team Blinder“

[…] Dieser Beitrag eines von mir sehr geschätzten Bloggers hat mich zu meinem heutigen inspiriert. Ich weiß es noch als wäre es gestern gewesen. In meiner Jugend entdeckte ich eine Internetseite, auf der jeder Aufnahmen von sich hochladen konnte. Es gab sogar die Möglichkeit, Duette zu singen. Besagte Seite hatte auch ein Forum zum Austausch und da ich schon zu der Zeit gerne Kontakt zu normal Sehenden haben wollte, meldete ich mich an. Eines Tages kam die Nachricht eines Mitglieds, warum ich denn sehen sage, wenn ich nicht sehen kann. Ich musste zweimal lesen, um das zu verstehen. Ich schrieb zurück, dass ich das nun mal so sage, an die Antwort erinnere ich mich nicht mehr. Es gab noch eine Situation in meiner Kindheit. Wir fuhren zu Freunden meiner Mutter. Als eines der Kinder ins Zimmer kam sagte ich „hallo, lange nicht mehr gesehen.“ Schallendes Lachen der anderen war die Antwort darauf. Ich fühlte mich trotzdem nicht ausgelacht. Ja, ich kann es nachvollziehen. Es muss befremdlich wirken, wenn jemand Blindes „sehen“ sagt. Ich benutze das schon immer so selbstverständlich und habe nie darüber nachgedacht, wie das auf andere wirkt. Ich bin auch kein Freund davon immer aufpassen zu müssen, was ich sage. Wenn ich weiß, dass jemand ein Problem mit einem Wort hat, ok, aber von Beginn an davon auszugehen, es könnte sein…Nein, das bringt alle Gespräche zum Stocken. Wenn zu mir jemand sagt „guck mal“ und mir etwas in die Hand drückt finde ich auch das völlig in Ordnung. Auf das betretene „oh sorry“ reagiere ich locker und erkläre, dass solche Worte für mich auch zum Sprachgebrauch gehören. Es mag Leute geben, die das anders sehen. Bei mir braucht keiner Angst zu haben, „sehen“ und ähnliches zu sagen. Wer unsicher ist fragt einfach nach. Manchmal ertappe ich mich dabei das Wort umschreiben zu wollen, wenn ich keine Lust auf Diskussionen habe. […]

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