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ARIA Zugänglichkeit

Besuch beim Best Practices Stammtisch Essen am vergangenen Montag

Am vergangenen Montag war ich zu Besuch im Ruhrgebiet. Sandra, die Initiatorin des Best Practices Stammtisch Essen hatte mich schon vor längerer Zeit eingeladen, mal vorbeizukommen. Im Gepäck hatte ich einige Infos über WAI-ARIA.

Der BPSE findet jeden 1. Donnerstag und 3. Montag im Monat im Unperfekthaus statt. Das Unperfekthaus ist ein spannender Ort: Es ist ein Gebäude, das früher mal mindestens zwei waren, und eines davon war mal ein Kloster. An einigen Stellen fühlt man auch richtig altes Mauergestein. Es gibt viele Räume, die Galerien, Tanzveranstaltungen oder andere Aktivitäten beherbergen. Überall stehen Skulpturen von im Unperfekthaus aktiven Künstlern, und man darf sie, wenn man vorsichtig ist, auch anfassen. Überall sind Treppen, und das Haus ist so verwinkelt, dass das eine echte Herausforderung für jedes O&M-Training wäre, da mal durchzunavigieren. Es gibt freies WLAN und ein Buffet, das je nach Tageszeit das Angebot wechselt. Vor dem offiziellen Teil des BPSE gab es ein Grillbuffet mit leckeren Beilagen, gutem Kaffee und kalten Getränken.

Im offiziellen Teil auf der „Internetcouch“ sprach Maxx Hilberer zunächst über CSS3 Transforms. Hierbei handelt es sich um visuelle Effekte, mit denen Text gedreht, verschoben und verzerrt werden kann, ohne dass er als Grafik eingebunden werden muss. Wie ein Teilnehmer feststellte und ich inzwischen per Test bestätigen konnte, liegt hier auch ein großer Vorteil für die Barrierefreiheit: Der Text steht im HTML-Code und kann aussehen wie er will, Screen Reader werden ihn trotzdem richtig lesen können. Fehler wie fehlende Alt-Texte für Bilder, die man für solche Effekte früher einbinden musste, sind so vermeidbar. Maxx zeigte sogar einen Workaround für den IE, der von Peter Kröner hier beschrieben wird, aber nicht für den IE 8 funktioniert.

Als nächstes Sprach Maik Wagner über die sinnvolle und sinnfreie Anwendung von Sprungmarken. Wir schauten uns einige Beispiele in der Praxis an und zogen auch die WebAIM-Umfrage hierzu heran.

Wir leiteten dann über zu meinem kurzen Überblick über WAI-ARIA, und ich begann sinnvollerweise mit den ARIA Landmarks. In der Diskussion stellten wir sie auch in Bezug zu HTML5-Elementen, die hiervon inspiriert worden sind. Ich sprach dann auch über Roles, States und Live Regions. Wir schauten uns Accessible Twitter an, welches ja sowohl Landmarks als auch einige weitere Roles und Attribute wie aria-required verwendet.

Der Abend ging zu Ende mit einem letzten gemütlichen Klönschnack vor der Tür des Unperfekthauses. Wir haben es natürlich geschafft, bis zur Schließung um 23 Uhr zu bleiben und verstreuten uns danach erst allmählich in alle Himmelsrichtungen.

Vielen Dank an alle, die zu so einem netten Abend beigetragen haben! Hat mir Spaß gemacht, und ich komme gern mal wieder, wenn sich die Gelegenheit bietet und es terminlich passt.

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Apple Zugänglichkeit

Das zugängliche iPhone 3G S – ein Erfahrungsbericht

Nachdem ich kurz nach dessen Erscheinen das iPhone 3G S in einer Gravis-Filiale in Hamburg kurz testen durfte, habe ich seit dem 04.07. mein eigenes iPhone 3G S, und genau einen Monat später ist es nun Zeit für einen ausführlichen Erfahrungsbericht.

Das erste Auspacken und die Inbetriebnahme

Wie alle Apple-Produkte ist auch das iPhone 3G S in einem sehr effizient gestalteten Karton verpackt, in dem neben dem iPhone selbst ein Headset, ein USB-Kabel, das sowohl zum Laden als auch zur Synchronisation dient, ein externes USB-Netzteil mit europäischem Stecker und eine Kurzanleitung Platz finden.

Eine sehr angenehme Eigenschaft ist, dass dieses externe Netzteil genau dieselben Steckverbindungen für die Steckdose hat wie das Netzteil meines MacBooks. Ich kann also meine Stecker für die USA, Großbritanien und andere Systeme ohne Probleme auch für das externe iPhone-Netzteil verwenden, sollte das Notebook zum Laden mal nicht zur Verfügung stehen.

Beim ersten Anschließen ans Notebook meldet iTunes sofort die Verfügbarkeit des iPhones, und ein Assistent wird gestartet, der durch die verschiedenen Schritte der Aktivierung führt. Dieser Prozess ist mit dem des iPod Nano, den ich schon vorher hatte, quasi identisch. Ich selbst habe mit dem iTunes für Mac OS X synchronisiert, es geht aber mit JAWS 10 oder Window-Eyes 7 auch unter Windows ganz prima, habe ich mir berichten lassen.

Von Apple eigentlich angekündigt, wurde bei mir VoiceOver jedoch nicht automatisch auf dem iPhone gestartet. Ich musste in den iPhone-Einstellungen unter „Bedienungshilfen konfigurieren“ VoiceOver manuell aktivieren. Dann begann es aber sofort zu sprechen und wies mich darauf hin, dass die SIM-Karte zur Zeit gesperrt sei und dass ich sie entsperren, also die PIN eingeben könne.

Es empfiehlt sich zu diesem Zeitpunkt dringend, mindestens mal einen Blick auf die Liste der Gesten zu werfen, die bei aktiviertem VoiceOver aktiv sind. Ich selbst hatte mich vorher ausführlich über das als PDF zur Verfügung stehenden Handbuches informiert. Tut man dies nicht, läuft man Gefahr, bei den ersten Schritten doch mehr zu stolpern als nötig. Und gerade die Eingabe der PIN ist ja nicht ganz unsensibel, da nur drei Versuche für die richtige Eingabe derselben zur Verfügung stehen, bevor die Karte gesperrt wird und man die PUK usw. bemühen muss.

Ich tippte also doppelt auf die Taste „Entsperren“. Das Ziffernfeld wurde angezeigt, und ich konnte mit dem Finger die einzelnen Elemente ansteuern. Die Eingabe der PIN war dann kein Problem, und kurz darauf hatte ich 5 von 5 möglichen Balken meines T-Mobile-Netzwerkes zur Verfügung.

Es empfiehlt sich weiterhin, möglichst frühzeitig eine WLAN-Verbindung zu seinem AccessPoint einzurichten, es sei denn, man hat sich den Luxus einer mobilen Flatrate geleistet. Das iPhone nimmt als erstes, wenn verfügbar, eine WLAN-Verbindung, bevor es auf UMTS und GPRS zurückgreift.

Die Eingabe gestaltete sich denkbar einfach: Ich ging in die Einstellung, und WLAN war gleich im Eingangsbildschirm als Option verfügbar. Ein Doppeltippen, und ich wurde aufgefordert, das Netz zu wählen, mit dem ich mich verbinden wollte. Da es in der Nachbarschaft mehrere Netze gibt, musste ich tatsächlich eines von mehreren durch doppeltes Tippen auswählen. Die Eingabe des WPA-Schlüssels gestaltete sich dann genauso unproblematisch wie vorher die Eingabe der PIN. Gleich darauf hatte ich Zugriff aufs Internet über meine Festnetzflatrate. Einziger Stolperstein, zumindest für ein paar Sekunden, war die Tatsache, dass die Taste zum Bestätigen des WPA-Schlüssels sich neben der Leertaste befand, also Teil der virtuellen Tastatur war, und nicht ein separates Benutzerinterface-Element wie ein „OK“-Button.

Ein paar Worte zur Handhabung der virtuellen Tastatur

Dies ist wohl der Teil des iPhones, der den größten Lernaufwand erfordert, weil sich die Vorgehensweise so komplett von allem unterscheidet, was man als Nutzer eines Smartphones von z. B. Nokia her kennt: Das iPhone stellt eine komplette Tastatur auf dem Touchscreen dar, aufgeteilt in drei Ebenen: Buchstaben, Ziffern (plus der wichtigsten Satzzeichen) und Symbole. Hierbei ist von Buchstaben lediglich zu Ziffern, aber von Ziffern sowohl zu Symbolen als auch zurück zu Buchstaben umschaltbar. Weiterhin gibt es mehrere Tastaturlayouts. Bei mir war standardmäßig englisch voreingestellt. Neben der Leertaste gibt es aber eine Taste mit der Beschriftung „nächste Tastatur“, mit der sich das Layout dann ganz problemlos auf Deutsch umstellen ließ.

Umlaute sind ein kleiner Spezialfall: Sie sind nicht Bestandteil der Standardtastatur, können aber durch eine Standardgeste zum Vorschein gebracht werden. Will man z. B. ein ü eingeben, tippt man doppelt auf den Buchstaben u und lässt den Finger nach dem zweiten Tippen auf dem Display ruhen. Dies bewirkt, dass als nächstes eine Standardgeste erwartet wird, die nicht von VoiceOver gefiltert wird. Dies entspricht in etwa dem Durchreichen eines Tastaturkommandos an einem herkömmlichen Screen-Reader vorbei. Sobald der Ton für die Aktivierung der Durchreichung ertönt ist, bewegt man den Finger, ohne ihn vom Display zu nehmen, nach links, bis VoiceOver das ü ansagt. Dann hebt man den Finger an. Dies bewirkt das Eingeben des Buchstabens ü ins Eingabefeld. Von jetzt an sind wieder die VoiceOver-Gesten aktiv.

Eingabetechniken gibt es mehrere. Es gibt Leute, die die Zwei-Daumen-Technik verwenden. Ich hingegen halte das iPhone in der rechten Hand und lasse lediglich den Daumen an einer Kante des Displays ruhen. Die Tasten steuere ich mit meinem Lesefinger, dem Zeigefinger der linken Hand, an. Sobald ich den gewünschten Buchstaben gefunden habe, lasse ich den Finger dort liegen und tippe mit dem rechten Daumen auf das Display. Dies bewirkt das sogenannte geteilte Tippen und damit die Eingabe des Buchstabens. Das ist dasselbe wie wenn ich den Buchstaben erst mit einem Finger ausgewählt und dann per Doppeltippen eingegeben hätte.

Am Anfang muss man sich natürlich etwas eingewöhnen, aber ich habe, wie ich schon in meinen ersten Eindrücken schilderte, schnell an Tippgeschwindigkeit gewonnen. Hat man das Gefühl, dass einem die Buchstaben zu dicht nebeneinander liegen, kann man das iPhone auf die Seite ins Querformat drehen und so die Tastatur etwas verbreitern.

Telefonieren

Ich bin, seit ich mein erstes Talks-handy hatte, ein großer Freund gut gepflegter Adressbücher geworden. Als Kind konnte ich mir über 50 Telefonnummern merken. Davon ist heute aber nicht mehr viel übrig, weil ich Telefonnummern inzwischen alle im handy verwalte. Dan eines freien Plugins von Nokia war es mir auch möglich, über Apple’s iSync die Daten von meinem N82 per Mac aufs iPhone zu bekommen, ohne den geringsten Datenverlust. Unter Windows geht das mit Outlook, der PC Suite und iTunes von Apple analog.

Demzufolge war für mich das Telefonieren auch von Anfang an sehr komfortabel: Die Telefonanwendung, die sich auf dem Home-Screen immer unten links befindet, egal welche der Home-Seiten angezeigt wird, hat eine Liste der Kontakte gleich als einen der verfügbaren Tabs im Angebot. Den Kontakt doppelt tippen, und in den Details die gewünschte Telefonnummer doppelt tippen, und schon geht der Anruf los.

Natürlich funktioniert auch das Wählen mit dem Ziffernblock problemlos.

Das Register Favoriten in der Telefonanwendung bietet sogar noch schnelleren Zugriff auf häfugi angerufene Kontakte.

Auch findet man hier die Anruflisten, die man weiter in „alle“, „verpasst“, „eingehend“ usw. filtern kann. Ein Doppeltippen startet einen Rückruf.

Schließlich kann man mit dem Register VoiceMail den mobilen Anrufbeantworter anrufen oder, falls verfügbar, die Funktionen von Visual VoiceMail, eine etwas interaktivere Oberfläche für den mobilen AB, nutzen. Ich selbst habe zur Zeit kein Visual VoiceMail zur Verfügung, weiß aber von anderen Anwendern, dass die Elemente alle zugänglich sind.

Eine kleine Schwäche stellte ich fest, als ich mit dem iPhone in einer Schutzhülle telefonierte. Obwohl ich das iPhone eindeutig aufrecht am Ohr hielt, schaltete es zwischendurch immer wieder in den Freisprech-Modus, als wenn ich das Telefon gerade auf den Tisch vor mich gelegt hätte. Es empfiehlt sich also, das iPhone zum Telefonieren immer aus seiner Schutztasche zu nehmen, da diese anscheinend das eine oder andere Signal ans Display sendet und das iPhone zu kleinen Felfunktionen verleitet. Ohne Tasche sind diese Effekte gänzlich verschwunden gewesen.

Nachrichten

Hier werden SMS und MMS gelesen und geschrieben. Die Interaktion ist ähnlich denen anderer Handies, man kann einen Empfänger eingeben oder aus den Kontakten wählen. Einziger Unterschied ist, dass man nicht im Vorwege entscheidet, obman eine SMS oder MMS versendet. Schreibt man nur Text, macht das iPhone automatisch eine SMS, fügt man Anlagen hinzu, wird eine MMS draus.

Mail

Mail ist sehr schnell und mächtig. Es hatte sofort alle Kontendaten von meinem MacBook übernommen und kommt wunderbar mit meinem Googlemail-Konto klar. Informationen wie der Ungelesen-Status werden angesagt, das Verfassen und Versenden sieht dem Verfassen von SMS ähnlich. Filter gibt es keine, da sollte man das GoogleMail-Interface im Web bemühen und die Filterung dort vornehmen lassen.

Safari

Dies ist der erste Browser, der mit Sprachausgabe auf einem handy zugänglich ist, bei dem ich nicht das Gefühl habe, den Finger an einer wackligen Kiste zu haben, die jeden Moment in einen Abgrund stürzt. Seiten wie die des Hamburger Abendblatts, die auf sämtlichen von mir ausprobierten Nokia-Handies immer für eine hoffnungslose Überforderung gesorgt hat, öffnet sich mit Safari auf dem iPhone problemlos und sehr schnell. Dank der Rotoreinstellungen für verschiedene HTML-Elemente ist das Navigieren sehr flexibel und funktioniert zuverlässig und zügig. Lesezeichen, Suchfunktion und sogar mehrere Tabs komplettieren den Funktionsumfang.

Da Safari mit modernen JavaScript-Dialekten umgehen kann, ist es eine sehr sichere Umgebung, um auch Web-2.0-Anwendungen gut nutzen zu können, wenn man unterwegs ist.

Kalender

Der Kalender ist komplett zugänglich und funktioniert sogar noch besser als iCal auf dem Mac. Erinnerungen, Geburtstage o. ä. sind im handumdrehen eingetragen.

Auch die Ansage bei Durchgehen der Daten, ob Termine vorhanden sind, klappt zuverlässig. Es werden alle Ansichten unterstützt.

Kamera und Fotos

Auch diese sind mit VoiceOver gut bedienbar. Wenn man also ein Gefühl dafür hat, wo die Kamera hin zeigt, kann man auch als Blinder hiermit Fotos machen. Sehr positiv fiel mir auf, dass es zwischen der Kamera und VoiceOver keine Konflikte gibt, wie ich sie leider von diversen Nokia-Handys und Talks her kenne. Man muss VoiceOver nicht zum Aufnehmen eines Fotos oder Videos ausschalten.

Das einzige, was ich in diesem Bereich noch nicht probiert habe, ist das Schneiden von Videos. Sobald ich dies mal getan habe, werde ich diesen Absatz aktualisieren.

Youtube, Karten, Aktien

Diese kleinen Anwendungen sind Interfaces zu verschiedenen Diensten wie eben Youtube, Yahoo! Finance und Google Maps. In Karten gibt es einige Möglichkeiten auch für blinde Anwender, zumindest ungefähre Richtungsangaben zu erhalten oder Verkehrsverbundsinformationen nachzuschlagen. Karten ist nicht als Ersatz für ein GPS gedacht und erfüllt auch nicht diese Funktionen, auch nicht für Sehende.

Notizen, Sprachmemos

Zwei sehr schöne kleine Helferlein, die zur Aufnahme von Sprachnotizen oder zum Niederschreiben von Informationen dienen und beide natürlich zugänglich sind. Die Notizen können ebenfalls auch abgeglichen werden, wenn man Mac OS X 10.5.7 oder höher einsetzt.

Uhr

Die Uhr ist ein kleines Wunderwerk. Sie bietet nicht nur die obligatorische Weckfunktion, sondern auch eine Weltuhr mit einstellbaren Orten. Da ich viel mit Kollegen aus sowohl Mountain View, Kalifornien (nähe San Francisco) als auch Aucland, Neuseeland, zusammenarbeite, habe ich mir eingestellt, dass mir diese beiden lokalen Zeiten ganz prominent angezeigt werden. So weiß ich jederzeit, ob meine Kollegen wach sind oder schlafen. Gerade bei Neuseeland auf der Südhalbkugel und verschobenen Sommer- und Winterzeiten ist es immer recht aufwendig, die Zeitverschiebungen zu errechnen, und daher bin ich über dieses Helferlein sehr dankbar.

Eine Stoppuhr und eine Timer-/Countdown-Funktion vervollständigen den Funktionsumfang.

Wetter

Eine kleine, aber nützliche, Anwendung, die sich mit Yahoo! Wetter verbindet und aktuelle Wetterdaten abruft. Ich habe mir Hamburg als Standardort eingestellt, es können aber jede Menge weiterer Orte hinzugefügt werden. Diese Anwendung habe ich auch im Ohrfunk-Podcast während meines Interviews demonstriert.

Der Kompass

Eine Funktion, die ich so auf noch keinem handy gesehen habe, ist ein Kompass, und dieser funktioniert auch ganz prima! Gerade wenn man mal irgendwo unterwegs ist, z. B. im Wald, kann es sehr nützlich sein, die genaue Himmelsrichtung zu wissen, in die man gerade läuft.

Anwendungen aus dem App Store

Ein Modell, das sol angsam Schule macht, ist das Vertreiben von Software von Drittherstellern über eine zentrale Sammelstelle, in diesem Fall dem App Store von Apple. Nokia und Google kopieren diesen Ansatz derzeit, weil über 65000 Anwendungen und weit über 1.000.000.000 Downloads nicht ganz falsch sein können. 🙂 Sowohl das Kaufen von Musik als auch das Kaufen oder Herunterladen kostenloser Software ist sowohl über das iPhone direkt als auch über iTunes auf Mac oder PC möglich. Das iPhone bietet eine sehr schöne Oberfläche für diese Tätigkeiten, die schnörkellos die wichtigsten Daten präsentiert.

Apple haben angekündigt, mit Entwicklern von iPhone-Anwendungen zusammenarbeiten zu wollen, um sicherzustellen, dass neue oder aktualisierte Anwendungen auch mit VoiceOver bedienbar sind. Der Accessibility Programming Guide for iPhone OS ist eine gute Einstiegsseite für Entwickler, deren Anwendungen nicht oder nur teilweise zugänglich sind.

Ich habe mal ein paar Anwendungen getestet und unterschiedliche Ergebnisse bekommen, bin alles in allem aber positiv überrascht, wie viel mit dieser ersten Version von VoiceOver und diversen zufällig gewählten Anwendungen schon geht! Eine viel ausführlichere Liste von Anwendungen, die Anwender weltweit auf die Funktionalität mit VoiceOver hin getestet haben, wird von Communitymitgliedern aus Kanada gepflegt (englisch).

Twitter

Diejenigen, die mir auf Twitter folgen, werden bemerkt haben, dass ich auch vom iPhone aus getwittert habe. Ich habe sowohl Twittelator Pro als auch Tweetero ausprobiert und komme mit beiden gut klar. Twittelator hat deutlich mehr Funktionen, aber auch zur Zeit noch einige Probleme mit Tasten, die von VoiceOver zwar als solche angesagt werden, denen aber die Beschriftungen fehlen. Andrew Stone, der Autor, hat inzwischen über Twitter verlauten lassen, dass er sich über das Feedback gefreut hat, das er aus der Blindenszene bekommen hat und an dem Zustand was ändern möchte. Wir dürfen also aufs nächste Update gespannt sein!

Der Funktionsumfang beider Programme geht deutlich über das hinaus, was z. B. Jibjib auf dem N82 bietet, und es geht flotter von der Hand als über die Twitter-Webseiten zu navigieren. Auch die mobilen Twitter-Seiten sind im Funktionsumfang eingeschränkt, so dass eine native Anwendung für Twitter auf dem iPhone der Produktivität definitiv gut tut.

Facebook

Die Facebook-Anwendung fürs iPhone funktioniert besser als viele Funktionen mit einem Screen Reader auf PC oder Mac. Die Anwendung ist in ihrem Funktionsumfang eingeschränkt, die Funktionen, die drin sind, funktionieren dafür aber prima! Man kann Facebook nur ermutigen, den Weg weiter zu gehen und auch in Zukunft gute und nützliche Funktionen einzubauen.

Radioprogramme

Ich habe sowohl die Anwendung für die Radioprogramme des norddeutschen Rundfunks als auch des Hamburger Lokalsenders Oldie95 getestet. Beide haben Barrierefreiheitsprobleme in Form von nicht beschrifteten Tasten oder Elementen, die sich mit VoiceOver nicht bedienen lassen. Während die Firma, die für Oldie95 diese Anwendung programmiert, auf meine Anmerkungen und Vorschläge innerhalb einer Stunde reagierte und Besserung beim nächsten Update in Aussicht stellte, hat sich der NDR bis heute nicht gerührt, nicht mal geschrieben, dass sie meine Anmerkungen überhaupt erhalten haben.

AroundMe

Eine kleine nützliche Anwendung für das iPhone ist AroundMe, die anhand aktueller GPS-Daten Points Of Interest aus der Umgebung findet. Wenn man also irgendwo fremd ist und ein Restaurant, eine Bank o. ä. sucht, ist dieses Programm ein sehr nützlicher Helfer.

Mobile Butler

Mobile Butler ist eine Anwendung, mit der nicht nur aktuelle Daten zum Mobilfunkvertrag wie verbrauchte Minuten und Volumen abgerufen, sondern ausgehend vom aktuellen Standort auch der nächst gelegene T-Mobile-WLAN-Hotspot gefunden werden kann. Leider hat dieses nützliche Tool noch diverse Probleme bei der Barrierefreiheit. ich habe den Autoren Holger Frank darüber informiert. Ich erhielt als Antwort, dass er sich darum kümmern möchte, jedoch warten muss, bis eine genügend große Sättigung mit iPhone OS 3.0 im Markt vorhanden ist, da die nötigen Änderungen die Kompatibilität mit iPhone OS 2.x nicht mehr gewährleisten würden. Ich versuche zur Zeit herauszufinden, ob es einen Workaround gibt, mit dem beides möglich ist. Wenn jemand eine Idee hat, bitte melden! 😉

heise.de

Diese Anwendung für die Online-Angebote des Heise Zeitschriftenverlages funktioniert in vielen Teilen schon ganz gut, es gibt auch hier jedoch einige nicht beschriftete Tasten und evtl. andere nicht zugängliche Elemente. Auf mein Forumposting hat sich der Autor umgehend bei mir gemeldet, und wir werden jetzt mal gucken, dass das besser wird. 😉

Fazit

Es ist, wie geschrieben, schon erstaunlich, was alles schon ohne weiteres Zutun möglich ist! Apple haben ihr Versprechen definitiv gehalten, dass sämtliche mit dem iPhone ausgelieferte Anwendungen mit VoiceOver kompatibel sind. Bei diversen anderen Anwendungen scheint es auch keine Probleme zu geben, einige Anwendungen, die ich selbst getestet haben, waren auch problemlos bedienbar, andere haben hier und da noch ein paar Haken und Ösen.

Alles in allem bereue ich den Kauf des iPhone 3G S überhaupt nicht. Es ist ein Mainstream-Handy mit eingebautem, vollwertigem, Screen Reader, basierend auf modernen Programmierschnittstellen, die bei korrekter Implementierung keinen Zweifel an der Richtigkeit der Informationen aufkommen lassen. Die Stimmen sind klar und verständlich, die Reaktionsgeschwindigkeit enorm hoch.

Es wäre wünschenswert, wenn Funktionen wie das Markieren von Text und anschließendes Copy & Paste auch bald mit VoiceOver funktionieren werden! Und mit „bald“ hoffe ich mal darauf, dass wir nicht bis zur dritten Vollversion nach VoiceOver-Start warten müssen, wie das bei den Sehenden der Fall war.

Auch hoffe ich, dass eine Funktion bald kommt, mit der VoiceOver einfacher vom iPhone aus aus- und vor allem eingeschaltet werden kann. Gerüchten zu Folge soll dies mit dreimaligem Tippen auf die Home-Taste bewerkstelligt werden.

Die große Frage, die sich manche(r) stellt, lautet mit Sicherheit: „Ist das iPhone was für mich?“ Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Denn nicht jeder wird mit den Anforderungen, einen Touchscreen zu bedienen, klar kommen. Ähnlich wie auch nicht jedes Blindenhilfsmittel für jeden Blinden gleichermaßen geeignet ist (z. B. fühlbare Armbanduhren versus sprechende), ist auch das iPhone ein Gerät, das nicht jeder (übrigens auch nicht jeder Sehende) bedienen kann. Das beste ist: Ab zum Apple-Händler des Vertrauens, den Verkäufer bitten, VoiceOver über Einstellungen/Allgemein/Bedienungshilfen einzuschalten und selbst ausprobieren. Über dieselbe Einstellung wird es auch rückstandsfrei wieder ausgeschaltet. So kann man sich in Ruhe ein erstes Bild machen, ähnlich wie ich dies getan habe.

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Apple Zugänglichkeit

Erstes Anfühlen von VoiceOver auf dem iPhone

Heute Vormittag war ich bei Gravis in der Hamburger Innenstadt, um mir das am Freitag vergangener Woche erschienene iPhone 3G S anzuschauen. Das 3G S ist das erste iPhone von Apple, welches mit einem Screen Reader ausgestattet ist (die deutsche Seite spiegelt diese Info leider noch nicht wider).

Da Touchscreens bisher ja für Blinde eine unüberwindliche Barriere darstellten, war ich sehr gespannt. Nicht nur, dass es keine oder kaum taktile Orientierungspunkte geben würde, die Angst, etwas falsch zu machen oder auszulösen, was man gar nicht will, war schon vorhanden. Ich habe mal einen Alarm in einem Fahrstuhl ausgelöst, dessen Tasten nur durch Berührung sofort auslösten. Und ich habe natürlich den Alarmknopf getroffen. 🙂

Als ich bei Gravis ankam, wurde ich nach kurzer Frage sofort zum iPhone-Stand geführt. Ich hatte vorab per E-Mail mit dem Geschäft abgesprochen, dass ich mir das 3G S ausführlich anfühlen dürfe. Einer der beiden anwesenden Verkäufer wusste auch prompt, wie VoiceOver einzuschalten ist. Dies steht in der ganz normalen Anleitung für das iPhone gleichberechtigt neben allen anderen Funktionen, man muss es nicht sonstwo gesondert suchen. Im Gegensatz zur Accessibility-Seite ist die Anleitung sogar schon auf deutsch verfügbar und auf dem aktuellen Stand.

Als VoiceOver startete, begrüßte mich eine altbekannte Stimme: Yannick von den RealSpeak-Stimmen von Nuance. Die Stimme kam klar und deutlich aus dem eingebauten Lautsprecher des iPhone. Die Lautstärke lässt sich gut raufregeln, so dass man selbst in lauten Umgebungen gut verstehen kann. Leider waren die Umgebungsgeräusche jedoch so zahlreich, dass eine von mir ursprünglich geplante Aufnahme meines Tests nicht zustande kam.

Nachdem VoiceOver lief und eie Gesten sich veränderten, kam die Verkäuferin damit nicht mehr ganz so gut klar. 🙂 So übernahm ich das Handy und startete mit dem linken Zeigefinger (meinem Lesefinger für Punktschrift) eine Fahrt über den Bildschirm. VoiceOver kam sofort mit relevanten Infos daher, in einer sehr schnellen Reaktionszeit. Diese schlägt sogar die Reaktionszeiten meines N82 auf Tastendrücke um Längen. Und noch etwas wurde mir sofort klar: Ich bekam hier ein glasklares Gefühl dafür, wie der Bildschirm aufgebaut ist. Ich wusste ziemlich schnell, dass auf dem Home-Bildschirm das Symbol für Nachrichten ganz links oben unterhalb der Statusanzeige für die Akkulaufzeit, Netzstärke usw. angeordnet ist, dass das iPod-Symbol im rechten unteren Quadranten liegt usw. Man muss also nicht die erforschenden VoiceOver-Kommandos bemühen, sondern geht zielstrebig mit dem Finger in die Richtung, in der man die relevanten Infos vermutet.

Dies erleichtert natürlich auch ungemein die Kommunikation mit Sehenden: Die Verkäuferin sagte mir in der Telefonapplikation, dass man Kontakte, Zahlentastatur und andere Dinge unten umschaltet. Der Finger wanderte nach unten, und schon hatte ich die einzelnen Auswahlmöglichkeiten unterm Finger und konnte das gewünschte fokussieren und mit einem doppelten Tippen auslösen.

Das Tippen auf der Tastatur oder dem Ziffernblock gestaltete sich auch einfacher als erwartet. Dank eines Tipps von James Craig aus der englischsprachigen VIPhone Google Group, mit einem Finger das gewünschte Zeichen anzusteuern, den Finger dort zu belassen und mit einem anderen Finger derselben oder der anderen hand irgendwo auf dem Bildschirm zu tippen (geteiltes Tippen) gestaltete sich dies schon nach kurzer Eingewöhnung recht flüssig. Klar ist dies wahrscheinlich die größte Umstellung von allen, wenn man von einer Zifferntastatur wie dem N82 kommt. Aber die Tastatur erscheint immer anderselben Stelle, so dass es bald ein leichtes sein dürfte, sich darauf zurechtzufinden und schnell die gewünschten Buchstaben anzusteuern. Außerdem gibt es eine weitere Bedienungshilfe namens Autovervollständigung, die Wörter automatisch komplettiert und so Tipparbeit spart. Diese Funktion arbeitet gut mit VoiceOver zusammen.

Auch andere Gesten ließen sich schnell erlernen. So merkte ich ziemlich schnell, wie ich von links nach rechts streichen musste, um die VoiceOver-Funktion „nächstes Element lesen“ auszulösen. Auch das Scrollen durch Streichen mit den Fingern nach oben und unten begriff ich schnell. Auch die Bedienung des Rotors, die z. B. die Art der Textnavigation umschaltet (zeichen, wörter) oder im Browser Elemente auswählt, zwischen denen navigiert werden soll (Überschriften, Formulare, Links) ließ sich gut an. Hier kam mir meine Erfahrung mit meinem iPod Nano zu Gute: Die Bewegung mit einem Finger ist dieselbe wie das Navigieren über das Drehrad des iPods, um die Lautstärke zu verändern, durch Alben zu scrollen usw. Sogar der Sound, den das iPhone macht, ist bei dieser Aktion dieselbe wie im Nano. 🙂

Dies ist natürlich kein erschöpfender Vergleich. Ich besitze auch leider noch kein iPhone, da mein Vertrag vor kurzem erst verlängert wurde und ich mir noch kein neues Handy subventionieren lassen kann, und in Deutschland gibt’s das iPhone nur mit Vertrag. Einige Funktionen konnte ich daher bisher auch noch nicht ausprobieren, da die SIM-karte in dem iPhone gesperrt war.

Apple zeigen aber, dass sie inzwischen an vorderster Front in Puncto Accessibility mit dabei sind und sich nicht scheuen, neue Wege zu gehen und Konventionen aufzubrechen. Oder wie schrieb es Mike Calvo von Serotek neulich in einem Blogeintrag? Why is it that Apple always seems to get to the future first? Sie geben dem iPhone 3G S einen vollwertigen Screen Reader mit, für den man bei Handys mit Symbian oder Windows Mobile-Betriebssystemen mehrere hundert Euro extra zahlen muss, Updatepreise gar nicht mit eingerechnet. Und selbst die im AEGIS-Projekt aktive RIM Ltd arbeitet mit einer Firma zusammen, deren Blackberry-Lösung ein kostenpflichtiger Screen Reader sein wird. Lediglich Google Android scheinen da was ähnliches aufzubauen mit einer kostenlosen Screen-Reader-Lösung. Das, was ich bisher aber gehört habe, kommt bei weitem nicht an das Paket heran, das Apple hier geschnürt hat. Denn nicht nur die Anwendungen, die auf dem iPhone mitgeliefert werden, sondern auch schon diverse Anwendungen des App Store sind zugänglich, und das öffnet natürlich eine ganz große Reihe von Möglichkeiten! Denn auch Entwickler, die ein 3G S haben, können gleich testen, ob ihre Anwendung mit VoiceOver zusammenarbeitet, es ist ja einfach vorhanden.

Wie unschwer zu erkennen ist, bin ich sehr angetan vom iPhone 3G S und hoffe, dass ich in Bälde eines mein Eigen nennen kann, auf welchem Wege auch immer. 🙂

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Warum sind Webforen bei Blinden so unbeliebt?

Ende vergangener Woche erhielten mein Kollege David Tenser, Kadir Topal (Übersetzer für die deutsche Firefox-Version) und ich eine E-Mail von Dirk, einem Moderator bei BLINDzeln. BLINDzeln ist eine Mailinglisten-Plattform, in der sich hauptsächlich deutschsprachige Blinde und Sehbehinderte über so vielfältige Themen wie das Kochen, Psychologie oder auch Themen aus dem Informatikbereich austauschen. Dirk fragte uns, ob es möglich sei, deutschsprachige Mailinglisten einzurichten, in denen die Barrierefreiheitsfunktionen der Mozilla-Plattform diskutiert werden könnten. Dies würde denjenigen, die auf den Firefox oder Thunderbird umgestellt haben, oder dies tun möchten, eine gemeinsame Anlaufstelle. Er sagte ebenfalls, dass er und andere Moderatoren überlegt hätten, eine solche Mailingliste bei BLINDzeln einzurichten, davon aber abgesehen haben, weil dies eine Insellösung darstellen würde, die den potentiellen Austausch mit anderen Mitgliedern der Mozilla-Community nicht fördern würde. Daher fragte er an, ob Mozilla solche Mailinglisten auf unseren Servern einrichten könnte.

In dem Austausch, der sich daraufhin entwickelte, wurden im wesentlichen zwei Positionen deutlich:

  • Auf der einen Seite wurde deutlich gemacht, dass blinde Anwender anscheinend Mailinglisten über alle Maßen anderen Möglichkeiten zur Kommunikation, die das Internet bietet, vorziehen, und dass dies das am leichtesten zugängliche Medium ist. Dies hat viel für sich, denn für das Eintragen in eine Mailingliste braucht man nicht einmal einen Webbrowser. Wenn man die Adresse der Mailingliste kennt, braucht man nur eine Eintragunsanforderung zu schicken und diese zu bestätigen. Hierfür muss man lediglich die Funktionen zum Verfassen einer Mail und die Antwortfunktion seines bevorzugten E-Mail-Programmes kennen. Webforen werden andererseits oft durch unzugängliche grafische Sicherheitscodes abgesichert, und die Anzeige von Themen wird von vielen als höchst ineffizient und schwer navigierbar empfunden. Internet-Newsgroups befinden sich irgendwo dazwischen. Hier ist es meistens die „Netzpolizei“, die auf dem strengen Einhalten der Netiquette pocht, die gerade Anfänger oft vergrault.
  • Auf der anderen Seite machten sich David und Kadir für support.mozilla.com (Sumo) bzw. das deutschsprachige firefox-browser.de Communityforum stark. Sie führten unter anderem an, dass die meisten beruflichen und freiwilligen Communitymitglieder, die Endanwendern helfen, sich hauptsächlich bei Sumo und den Communityforen herumtreiben, jedoch kaum auf Mailinglisten zu finden sind. Kadir und ich sprachen im IRC ebenfalls über dieses Thema, und andere, die sich an der Diskussion beteiligten, benutzten teilweise sogar Wörter wie „hassen“, wenn es um Mailinglisten ging.

Ich habe ein bisschen geforscht und festgestellt, dass es eine große Diskrepanz darin gibt, wer welches Medium gern nutzt. Mozillianer, also diejenigen, die sich hauptberuflich oder stark freiwillig engagiert mit der Entwicklung der Mozilla-Produkte beschäftigen, sind fast ausschließlich in den Mozilla-spezifischen Mailinglisten zu finden, um Entwicklungsplanung, projektspezifische Diskussionen zu führen usw. Diese Mailinglisten werden in Newsgroups und Google Groups gespiegelt. Mailinglisten auf der einen, und die fast forenartige Darstellung von Google Groups auf der anderen Seite bietet also eine sehr vielfältige Möglichkeit des Zugriffs. Es gibt hier jedoch kaum Endanwender. Es gibt zwar Support-Gruppen, aber im Vergleich zu Foren wie bei firefox-browser.de oder MozillaZine ist das Nachrichtenaufkommen fast vernachlässigbar.

In anderen Bereichen habe ich ungefähr dasselbe Bild vorgefunden: Je mehr endbenutzer-orientiert die Zielgruppe ist, desto beliebter sind Webforen. Je technischer orientiert das Zielpublikum ist, desto beliebter sind Mailinglisten. OK, die meisten Mailinglisten haben ein webbasiertes Archiv, aber diese Archive sind nicht unumstritten. In der oben erwähnten Diskussion im IRC hat ein Teilnehmer angemerkt, dass er die Foren z. B. auf Heise Online oder die typischen Mailman-Archive hasst, weil diese immer nur ein Posting zur Zeit anzeigen und er ständig klicken muss, um ein Thema durchzulesen. Und diese Person halte ich für technisch sehr versiert.

Interessanterweise wurden in den Ergebnissen der Screen-Reader-Umfrage, die Webaim kürzlich durchgeführt hat, Webforen in keiner der Listen für besonders zugängliche oder besonders unzugängliche Webseiten erwähnt.

Was ist es also, das blinde Anwender so überdurchschnittlich hoch Mailinglisten gegenüber dem bevorzugt, was sonst so Mainstream im Internet ist? Sind Webforen von Natur aus unzugänglich? Oder ist dies ein Mythos, der sich hält, wo sich das tatsächliche Bild geändert hat, die Blindengemeinde dies jedoch schlicht und einfach verschlafen hat?

Zugegeben, dies sind provokante Fragen. Eines der Dinge, die Blinde in Mailinglisten treiben könnte, und was auch lange Zeit der Grund für mich war, mich so gut wie gar nicht an Foren zu beteiligen, ist die spaghetti-artige Darstellung von Forumsthemen speziell in älteren Versionen von Forensoftware. Es ist sehr schwer, den Anfang eines neuen Posts zu finden, um z. B. das Lesen des aktuellen Posts zu unterbrechen, weil er nicht von Interesse ist. Da Blinde Forenbeiträge nicht visuell quer lesen können wie Sehende, ist dies eine sehr wichtige Funktion zur effizienten Navigation und Beteiligung in Webforen.

Folgend ein paar Beispiele von Ansichten von Forumsthemen, die darüber Aufschluss geben könnten, warum Blinde Foren nicht mögen, und auch solche, warum dies nicht mehr unbedingt ein berechtigter Vorbehalt sein muss.

  • In diesem Thema im MozillaZine-Forum (englischsprachig) beginnt jeder neue Beitrag innerhalb des Themas bei einem neuen Eintrag einer großen Definitionsliste. Da jedoch die zur Verfügung stehenden Aktionen wie „Reply…“ ebenfalls innerhalb von hierin verschachtelten Listen stehen, kann man nicht einfach mit einer Schnellnavigationstaste von Listeneintrag zu Listeneintrag springen, um den Anfang des nächsten Beitrags zu finden.
  • Dieser Beitrag in der phpbb.com Community zeigt auf, wie man es richtig macht. Jede Antwort beginnt bei einer neuen Überschrift, so dass man ganz leicht zur nächsten Antwort springen kann, wenn man die aktuelle Antwort nicht zu ende lesen möchte. Da sowohl phpbb.com als auch MozillaZine auf phpBB basieren, scheint dies eine Frage des Themings zu sein.
  • Ebenfalls auf phpBB basierend, jedoch auf einer älteren Version, ist dieser Beitrag in den Foren der Delphi-Praxis. Dies ist der spaghetti-artige Aufbau, den ich vorher schon erwähnte: Es wird eine HTML-Tabelle verwendet, und jeder Beitrag bekommt seine eigene Tabellenzeile. Screen Reader verfügen zwar über Tastenkombinationen, um sich durch Datentabellen zu bewegen, diese sind jedoch nicht so komfortabel zu greifen wie die Navigation durch Überschriften o. ä. Das Interagieren mit einer Datentabelle ist immer eine bewusste Entscheidung, kein beiläufiger Handgriff, wie er beim Lesen eines Forums eher angebracht ist. Ähnlich tabellarische Darstellungen habe ich auch schon bei Foren gesehen, die auf dem System VBulletin basieren, als auch bei dem Carookee.com Forenservice. Das deutsche firefox-browser.de-Forum verwendet zur Zeit noch eine ähnliche Darstellung von Themen. Dies wird sich aber in den nächsten Wochen ändern, wenn das Forum auf phpBB Version 3 umgestellt wird.
  • Wenn man sich bbPress anschaut, das Schwesterprojekt zur WordPress Blogsoftware, so verwendet dieses ebenfalls eine Listendarstellung von Forenthemen. Hier gibt es jedoch keine eingestreuten Listen, so dass man prima von der aktuellen Position schnell zum Beginn des nächsten Beitrages springen kann, indem man einfach zum nächsten Listenelement springt.
  • Zuletzt noch ein Blick auf ein Sumo-Thema: Dieses zeigt einen ähnlich spaghetti-haften Aufbau. Die Beiträge werden lediglich durch bestimmt gestilte Div-Elemente voneinander getrennt, es gibt jedoch kein semantisch eindeutiges Element, zu dem man navigieren könnte. Der einzige Unterschied besteht also darin, dass hier Div-Elemente anstatt von Layouttabellen verwendet werden.

Hinweis: Die oben ausgewählten Themen und die Kommentare zur Güte der Anzeigestile sagt nichts über die Qualität der individuellen Foren an sich oder deren Mitglieder aus.

Wie das Beispiel der phpBB Community oder das von bbPress zeigen, gibt es gute Beispiele mit schnellen Navigationsmöglichkeiten, die Forensoftware auch für blinde Benutzer attraktiv machen. Es gibt jedoch auch immer noch viele Forumsinstallationen, deren Anzeige für Blinde zur Navigation sehr abschreckend wirken und keinen Barrierefreiheitsstandards entsprechen.

Ein Thema, das ich auch kurz ansprach, sind grafische Sicherheitscodes. Mit einer Firefox-Erweiterung wie WebVisum sind die meisten dieser Codes lösbar. Außerdem verbreiten sich Audioalternativen immer mehr, so dass dies eine Barriere ist, die mit entsprechenden Werkzeugen inzwischen zum Glück gut zu meistern ist.

Und jetzt würde ich gern eure Meinung zum Thema hören! Bevorzugt ihr Mailinglisten vor Newsgroups und Webforen? Welche Herausforderungen und Barrieren machen euch die Benutzung von Webforen schwer? Findet ihr leicht den Faden wieder, wenn neue Beiträge zu einem Thema hinzugekommen sind? Lest ihr lieber im Web, im E-Mail-Programm oder im RSS-Aggregator?

Auf der anderen Seite: Was schreckt euch als Forenbenutzer von Mailinglisten oder Newsgroups ab, oder bewegt euch sogar zu der Aussage, sie zu „hassen“?

Freue mich auf eure Kommentare!

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Apple Zugänglichkeit

Neue Mailingliste für Apple-spezifische Themen der Zugänglichkeit

Da mein Beitrag über die Zugänglichkeit von Mac OS X auch außerhalb des Blogs eine rege Resonanz gefunden hat, habe ich mich entschlossen, eine deutschsprachige Mailingliste einzurichten, die sich mit dem Themenkreis Apple und deren zugängliche Produkte wie Mac OS und dessen Anwendungen, den iPod Nano der vierten Generation usw. beschäftigt. Diese Liste soll zum Erfahrungsaustausch zwischen Anwendern dienen, richtet sich aber genauso an diejenigen, die bisher keinen Apple verwenden, sich aber informieren möchten. Hier geht’s zur Infoseite mit Anmeldemöglichkeit.

Also dann, auf einen fruchtbaren Austausch!

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Apple Zugänglichkeit

Mac OS X Zugänglichkeit: Eine Erfolgsgeschichte

Seit ein paar Jahren schon gibt es neben Windows andere Desktop-Betriebssysteme, die Barrierefreiheitsfunktionen zur Verfügung stellen und für die es Screen Reader gibt. Orca ist seit Version 2.18 des GNOME Desktop fester Bestandteil dieses Pakets und somit in jeder Distribution, die den GNOME Desktop vorinstalliert, ebenfalls verfügbar. Dies ermöglicht auch einigen Distributionen, sprechende Installationen zur Verfügung zu stellen, mit deren Hilfe ein Blinder das Betriebssystem selbständig installieren kann.

Während der Entwicklung von Mac OS X 10.4 Tiger betrat auch Apple das Feld der Zugänglichkeit für sein Betriebssystem und bietet seitdem den Screen Reader VoiceOver als festen Bestandteil des Betriebssystems an. Dies ist nichts Neues, zumal es inzwischen den Nachfolger Mac OS X 10.5 Leopard gibt. Ich hatte jedoch vor ein paar Tagen Gelegenheit, VoiceOver das erste Mal selbst unter den Fingern zu haben und muss gestehen, dass ich hin und weg bin, was die Zugänglichkeit und die Möglichkeiten angeht!

Das geht schon damit los, dass nach dem Einschalten des Macs ein Hinweis gesprochen wird, dass, wenn man nicht sehen kann, man Befehlstaste+F5 (oder Cmd+F5) drücken soll, um Sprachunterstützung bei der Ausführung des Setupassistenten zu bekommen. Kleiner Wehrmutstropfen hierbei ist, dass Apple selbst nur englische Stimmen mitliefert. Wenn Apple ein Abkommen mit einem Hersteller wie Cepstral oder Assistive Ware treffen würde, um auch fremdländische Stimmen gleich von Haus aus mitzuliefern, wäre das Bild perfekt! Die englische Stimme namens Alex, die standardmäßig zu sprechen beginnt, ist an sich aber schon ein echtes Schmankerl. Nicht nur, dass sie sehr schön klar ist, Apple hat ihr auch einen Lufthol-Algorithmus spendiert, der sie noch natürlicher klingen lässt.

Es benötigt also nur einen Tastendruck, um VoiceOver zu starten und den Setupassistenten somit zugänglichdurchlaufen zu können. Nach Beendigung dieses Assistenten war ich per WLAN verbunden und der Mac war sofort einsatzbereit.

Spaßeshalber habe ich dann auch mal die Mac-OS-X-DVD eingelegt und von dieser gebootet. Auch diese lädt ein vollständiges Betriebssystem, und VoiceOver ist, sobald die DVD das erste Mal aufhört, sich zu drehen, nur einen Druck auf Befehlstaste+F5 entfernt. Das Installationsprogramm wird automatisch gestartet, von diesem aus sind aber auch Zugriffe auf das Disk Utility und andere Programme zur Wartung des Computers erreichbar und somit voll sprachunterstützt einsatzfähig.

Im Vergleich hierzu gibt es unter Windows nur im grafischen Teil der Installation, und dann auch nur in englischsprachigen Versionen, die Möglichkeit, Narrator zu starten. Der nichtgrafische Teil, also der Teil, in dem Festplatten partitioniert und formatiert werden können, ist vollständig unzugänglich. Hinzu kommt, dass man unter Windows XP mit Microsoft Sam vorlieb nehmen muss, was ja nun wahrlich kein Vergnügen ist. Unter Vista gibt es eine Stimme namens Anna, die nur unwesentlich besser ist.

Unter Linux ist das Bild uneinheitlich: Während man bei Ubuntu 8.04 Hardy Heron nur eine überschaubare Anzahl Tasten in der richtigen Reihenfolge im Blindflug drücken musste, hat Ubuntu 8.10 hier wieder einen echten Rückschritt hingelegt. Jetzt muss man wieder die Live-CD starten, Orca beenden, als SuperUser neu starten und hoffen, dass man sich auf dem Weg dahin nicht vertippt, Ubiquity hochfahren und hoffen, dass Ubiquity und Orca sich dann auch unterhalten. Andere Distributionen bieten nur brailleunterstützte oder anderweitig klimmzugartige Techniken an, um einen zugänglichen Installationsvorgang hinzubekommen. Nur was für hartgesottene, aber keinesfalls was für Anfänger oder Gelegenheits-Tüftler. Die neue Ausgabe von Open Solaris soll ebenfalls einen zugänglichen Installer bieten, wie der aber funktioniert, weiß ich noch nicht.

Hinzu kommt, dass sowohl unter Windows als auch unter Linux die Gefahr besteht, dass die Hardware, auf die das System installiert werden soll, nicht erkannt wird. Im schlimmsten Fall wird die Soundkarte nicht erkannt, und man sitzt buchstäblich im Dunkeln. Hier zeigt sich der Vorteil der Kopplung von Betriebssystem und Hardware: Apple wissen, was sie in ihren Rechnern für Hardware haben und können so sicherstellen, dass die Unterstützung durch VoiceOver immer gewährleistet ist.

Ist Windows dann mal installiert, kommt man mit Narrator nicht einmal soweit, sich NVDA herunterzuladen, um einen vollwertigen Screen Reader zu haben. Also am besten die portable Version von NVDA vor der Neuinstallation auf einen USB-Stick ziehen, um nach der Installation dann sofort einsatzfähig zu sein.

Auch die Menge an bereits zugänglichen Anwendungen hat mich begeistert. Nicht nur die betriebssystemeigenen Anwendungen wie TextEdit, Mail, Safari o. ä., oder die Zusatzprogramme wie QuickTime und iTunes sind nutzbar, sondern z. B. auch Skype und OpenOffice. Skype ist eine von Blinden sehr häufig genutzte Internettelefonie-Anwendung, und die ist z. B. unter Linux gar nicht zugänglich. Dies ist eine der am häufigsten nachgefragten Anwendungen, wenn man über die Zugänglichkeit von Linux redet. Es steht zu hoffen, dass mit der Umstellung der Kommunikationswege weg von Corba hin zu D-Bus sich hier Verbesserungen auftun. OpenOffice ist seit Version 3.0 eine native Cocoa-Anwendung unter Mac OS und bietet volle Unterstützung von VoiceOver.

Und eben die Tatsache, den Screen Reader mit einem einzigen Tastendruck starten (und auch wieder beenden) zu können, ist ein ziemlich überzeugendes Argument! Wenn also eventuell in nächster Zeit eine Neuanschaffung in Sachen Desktop- oder Notebook-Computer ansteht, warum nicht mal im nächsten Mac-Shop vorbeischauen und sich die Modelle vorführen lassen?

Apple haben eine Zeit gebraucht, um die Zugänglichkeitsbühne zu betreten. Das, was sie aber vorweisen, kann sich wirklich sehen lassen.

Dies unterstreicht die Dringlichkeit, mit der wir bei Mozilla an der Fertigstellung unseres Supports für VoiceOver arbeiten müssen, damit Anwender auch unter diesem Betriebssystem Dinge wie WebVisum werden nutzen können.

Ich plane in naher Zukunft eine Serie von Audiovorführungen zu diesem Thema, die ich der ISCB zur Bereitstellung im Audiobereich anbieten werde.

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Arbeit Firefox Mozilla Zugänglichkeit

Erscheinungstermin für Firefox 3.0 steht fest!

Der Erscheinungstermin der finalen Version 3.0 von Firefox steht nun fest! Wie der englischsprachigen Ankündigung zu entnehmen ist, wird Firefox 3.0 am kommenden Dienstag, den 17. Juni, veröffentlicht. Wenn Du Interesse hast, beim Aufstellen eines Weltrekords mitzuhelfen, dann besuche diese Seite. Das Ziel ist, den Firefox 3.0 zur am meisten gedownloadeten Software innerhalb von 24 Stunden zu machen.

Bei dieser Ankündigung stelle ich fest, dass ich genauso aufgeregt bin wie diejenigen im Team, die schon dabei waren, bevor die Arbeit am Firefox 3 losging. Ich bin erst seit Dezember 2007 Teil des Teams und habe einige Monate zuvor als Mitglied der Community mitgeholfen. Firefox 3 ist ein echt spannendes Release: Eine komplette Plattform (Linux) wird von der Barrierefreiheit her das erste Mal unterstützt, unter Windows wurden erhebliche Verbesserungen vorgenommen, und auch ansonsten ist das Release mit so vielen tollen neuen Funktionen bestückt, dass dies ein unbedingtes Muss für jeden Firefox-Fan sein sollte! 🙂

Sobald der Firefox 3 zum Download bereitsteht, werde ich dies hier ankündigen!

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Behindertenparkplatz

Laute Gedanken eines Busfahrers

Als ich am Freitagabend von der SightCity zurückkehrte, fuhr ich mit dem letzten Bus der Linie 120 vom Hamburger Hauptbahnhof in Richtung Geesthacht. Der Bus war gesteckt voll mit Familien auf dem Nachhauseweg, Pfingsttouristen auf dem Weg zum Hotel in der Nähe der Haltestelle Billhorner Mühlenweg, und Leuten mit viel Gepäck wie mir.

Kurz hinter der Haltestelle U-Bahn Steinstraße nahm der Busfahrer beherzt das Mikro zur hand und meinte in einem sehr jovialen Plauderton:

Hier mal ein paar Gedanken Ihres Busfahrers zu Theorie und Praxis: In der Theorie besteht seit dem 01.01.2008 in der EU ein Gesetz, das mir erlaubt, entweder einen Rollstuhlfahrer und einen Kinderwagen, oder alternativ zwei Kinderwagen mitzunehmen.

Ein Blick in den Rückspiegel, eine Kunstpause, dann:

Wie gesagt, in der Theorie…

In der Praxis standen im Raum der Mitteltür drei Kinderwagen. Außer dem zu erwartenden allgemeinen Platzproblem bei der Zusammenstellung der Fahrgäste bestand jedoch kein Anlass zur Sorge: die drei Kinderwagen standen so geschickt, dass sie sich gegenseitig beim unkontrollierten Rollen durch den Fahrgastraum behinderten, und sie ließen noch Platz zum Aussteigen.

Neben mir stand ein gemütlicher älterer Rheinländer, der nur ganz trocken meinte: „Da hat wohl ein Bürokrat in Brüssel beim Gang zum stillen Örtchen einen genialen Einfall gehabt. Das ist also eine Klohaus-Vorschrift.“

Ich frage mich dabei wirklich: Wer denkt sich so etwas aus? Oder um’s mit Wänääs Worten zu sagen: Tuddat not? Dass zwei Rollstuhlfahrer zusammen unterwegs sein können, scheint den Herren in Brüssel anscheinend völlig abzugehen. Erwarten sie ernsthaft, dass in einer solchen Konstellation einer draußen bleibt und vielleicht eine Stunde auf den nächsten Bus warten muss? Das finde ich fast noch schlimmer als die Company’s Policy</span. Gegen die kann man sich wenigstens wehren, gegen die Spinnereien mancher Brüsseler Bürokraten ja eher weniger.

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Arbeit Firefox Mozilla Thunderbird

Impressionen zur SightCity“ 2008 in Frankfurt

Vom 7. bis 9.05. fand in Frankfurt am Main die SightCity, die inzwischen wohl größte Ausstellung von Hilfsmitteln für Blinde und Sehbehinderte im deutschsprachigen Raum, statt. Die Mozilla Foundation war in diesem jahr erstmalig mit einem Stand vertreten.

Die häufigste Frage, die dem Team am Stand gestellt wurde, war „Was macht denn ein Browser-Hersteller auf einer Ausstellung für Blinde und Sehbehinderte?“ Nun, überrascht hat dies nicht: Während es in den USA, z. B. auf der CSUN Gang und Gäbe ist, dass Hersteller wie Google, Microsoft oder eben auch Mozilla sich dort präsentieren, weil sie engagiert sind, ihre Produkte barrierefreier zu gestalten, ist dies bisher auf deutschsprachigen Messen nicht oder nur sehr selten vorgekommen.

Die Resonanz auf unsere Anwesenheit war sehr positiv. Besucher konnten viel über die Neuerungen im Bereich der Barrierefreiheit des Firefox 3.0 erfahren, wir gaben Tipps zu konkreten Fragen zur Benutzung von Firefox und Thunderbird, wir hatten Besuch von einigen Webdesignern, die ich teilweise auch schon auf der Tagung „Einfach für Alle“ am 06.05. getroffen hatte, und einige Mitbringsel für Freunde und Familie gab es auch.

Die Premiere bei der SightCity ist also gelungen, so dass man uns in Zukunft öfter auf solchen oder ähnlichen Veranstaltungen antreffen kann, wo wir persönlich Rede und Antwort stehen werden.

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ARIA Zugänglichkeit

Impressionen der Fachtagung „Einfach für Alle – Konzepte und Zukunftsbilder für ein Barrierefreies Internet“

Am 06.05.2008 nahm ich an der Fachtagung der Aktion Mensch „Einfach für Alle – Konzepte und Zukunftsbilder für ein Barrierefreies Internet“ teil. Die Aktion Mensch hatte mich als Experten für den Workshop 8: Web-Anwendungen – die Software im Browser eingeladen.

Nachdem wir Experten unsere Thesen vorgetragen und erläutert hatten, geriet der Workshop ziemlich schnell zu einer Frage- und Antwort-Stunde zwischen den anwesenden Webentwicklern im Publikum und uns. Es gab jede Menge Fragen zu ARIA (Accessible Rich Internet Applications) und deren Auswirkungen sowohl auf Browser- und Screenreader-Kombinationen, die es bereits unterstützen, als auch auf solche, die dies noch nicht tun. Sowohl Dr. Carlos Velasco als auch ich konnten deutlich machen, dass ARIA bereits heute angewandt werden kann, ja sogar sollte, um Web-2.0-Anwendungen barrierefreier zu gestalten. In Browsern, die dies noch nicht unterstützen, führt dies zu keinerlei nachteilen bei der Darstellung. Browser, die ARIA jedoch bereits unterstützen, wie der in Bälde erscheinende Firefox 3.0, können jedoch schon jetzt Vorteile daraus ziehen und entsprechend angereicherte/vervollständigte Informationen an die Screenreader weitergeben. Sobald andere Browserhersteller wie Opera und Microsoft nachziehen, werden solche Anwendungen automatisch barrierefreier, wenn diese Browser in den dann aktualisierten Versionen zum Einsatz kommen.

Es wurde weiterhin deutlich, dass es sowohl Web-2.0-Anwendungen wie gmail gibt, die von z. B. Blinden sehr aktiv genutzt werden, als auch solche, die noch echte Schwierigkeiten bereiten, wie Google Docs.

Einigkeit bestand darin, dass das Argument Barrierefreiheit nicht herangezogen werden sollte, um z. B. den Einsatz von javaScript oder Ajax zu unterlassen.

Und obwohl der Workshop zwischenzeitlich zu einer Frage- und Antwortstunde mutierte, schaffte es der Moderator Jo Bager, Redaktuer bei der C’T, am Ende doch, einige zusammenfassende Stichworte und vorausschauende Statements zu erarbeiten.

An jenem Vormittag besuchte ich einen weiteren Workshop als Publikumsteilnehmer: Zugänglichkeit und Mobilität. Dieser Workshop“ wurde von Martin ladstätter, Journalist und Redakteur bei BIZEPS – Zentrum für selbstbestimmtes Leben in Wien, geleitet. Als Experte erschien lediglich Herr Jochen Hahnen, Mitarbeiter im Kompetenzzentrum Kooperationssysteme des Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik. Der zweite angekündigte Experte, ein Herr Weber von der Fa. Microsoft, erschien nicht.

Herr Hahnen stellte eine Anwendung vor, die es mit Hilfe eines geeigneten handys ermöglicht, eine Wegstrecke in Form von GPS-Daten aufzuzeichnen und diese dann in ein dafür vorgesehenes Webportal hochzuladen. Die Zielgruppe besteht laut Herrn Hahnen aus Sportlern, die dieses Portal dazu nutzen können, sich im Vergleich zu anderen, die dieselbe Strecke laufen oder mit dem Rad abfahren, zu messen oder eine eigene Leistungskurve zu erstellen. Das Konzept der Anwendung und deren Möglichkeiten für Behinderte war für mich und viele andere Teilnehmer sofort klar ersichtlich: Auch Blinde und Rollstuhlfahrer könnten dieses System nutzen, um Mobilitätshilfen für bestimmte Streckenabschnitte zu geben. Es könnten Hinweise eingeflochten werden wie „hier befindet sich eine barrierefreie U-Bahn-Station“ oder „hier befindet sich eine Wanderbaustelle“.

Könnten, denn die Anwendung ist zur Zeit nicht barrierefrei nutzbar. Auch ist momentan fraglich, ob die Handyanwendung in Bälde für Blinde nutzbar wird: Sie läuft zur Zeit nur auf Windows Mobile und soll laut Aussage von Herrn Hahnen zu Beginn des nächsten Jahres auf Java portiert werden, um dann auch auf Nokia-Handys lauffähig zu sein. Der geneigte Leser erkennt aber sofort: Java-Anwendungen und die Symbian-Screenreader Talks und MobileSpeak sind nicht gerade bekannt dafür, die dicksten Freunde zu sein.

Da Herr Hahnen von vornherein erklärte, dass die eigentliche Zielgruppe Sportler sind, ist zumindest von hierher begründbar, warum auf die Barrierefreiheit sowohl des Webportals als auch der Handyanwendung kein besonderer Wert gelegt wurde. Ein Blinder joggt ja nicht allein, also kann auch das Handy von der sehenden Begleitung bedient werden, oder?

Die Diskussion entwickelte sich zu diesem Thema sehr lebhaft und durchaus konstruktiv. So wurde deutlich gemacht, dass diese Art Anwendung eben für Behinderte ganz erheblichen Sinn machen würde. Es hängt natürlich von der Community ab, dass Daten z. B. zu Baustellen o. ä. immer aktuell sind. Aber das Web 2.0 heißt ja nicht umsonst das Mitmach-Web.

Im Rückblick erscheint mir die Wahl des Produktes zum Thema etwas unglücklich. Herr Hahnen konnte einem zwischendurch sogar schon ein bisschen leid tun, weil immer wieder auf die Tatsache hingewiesen, um nicht zu sagen, Salz in die Wunde gestreut, wurde, dass die Anwendung nicht barrierefrei ist. Mir stellt sich die Frage, ob der Workshop dazu dienen sollte, dem Fraunhofer Institut einen Anreiz zu geben, die Anwendung dahingehend zu erweitern und barrierefrei zu gestalten, dass zur Zielgruppe zukünftig auch Behinderte zählen können. Oder alternativ: Wurde sich im Vorhinein nicht hinreichend über das Produkt informiert, so dass gar nicht klar war, dass die Anwendung für den Personenkreis der Behinderten eigentlich gar nicht konzipiert ist? Diese Frage blieb der Workshop schuldig.

Den Rahmen der Veranstaltung bildeten sowohl die Vorstellung einer Studie zum Nutzerverhalten Behinderter im Web 2.0 als auch der Startschuss zum Biene-Award 2008. Was die Studie angeht, so konnte ich feststellen, dass ich voll im Trend zu liegen scheine: Ich nutze das Internet als Blinder tatsächlich viel zum Bestellen von Waren, bin kreativ im Umgehen von Barrieren, auf die ich stoße, und Captchas empfinde ich ebenfalls als lästigste Barriere, die das Web so zu bieten hat.

Weiterhin musste ich feststellen, dass die überwiegende Mehrzahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich schon kannten und das ganze fast ein bisschen wie ein großes Familientreffen wirkte. Ich selbst kannte bis dahin nur sehr wenige Teilnehmer persönlich. Als New Kid on the Block wurde ich sehr freundlich aufgenommen.

Abschließend möchte ich noch auf einen Artikel bei Heise Online hinweisen, der eine gute Zusammenfassung der Veranstaltung und ebenfalls ein paar Links zur Veranstaltung und zum Biene-Award enthält.

Ich möchte der Aktion Mensch sehr herzlich für die Einladung danken! Es war eine sehr bereichernde Erfahrung.