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Ich bin Team Behinderter und Team Blinder

Mir wurde heute morgen durch Jürgen Fleger dieser Artikel in die Twitter-Timeline gespült, und ich kann mich ihm zu 100% anschließen. Ich bin „Team Behinderter“ und auch „Team Blinder“.

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Arbeit Behinderung Privates

12 Jahre bei Mozilla

Heute feiere ich ein kleines Jubiläum. Ich bin seit 12 Jahren für Mozilla tätig. Die ersten 13 Monate, also Dezember 2007 bis Dezember 2008 als Freischaffender. Seit Januar 2009 bin ich fest angestellt. Im Januar waren dies also 10 Jahre.

Dies ist die längere von zwei Arbeitsperioden für Arbeitgeber. Die erste startete 1996 als Werksstudent für Omni PC, den Vorläufer von Freedom Scientific Deutschland, bei der ich ab April 1999 auch fest angestellt war. Das Arbeitsverhältnis endete im November 2007.

Ich bin also, was Arbeitgeber angeht, ziemlich beständig. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn als Schwerbehinderter ist es deutlich schwieriger, einen Job zu bekommen. Das im Silicon Valley betriebene Job Hopping, um durch viele Wechsel seine Flexibilität zu demonstrieren, schnell die Karriereleiter rauf zu fallen (und dabei auch schon mal auszubrennen) findet auch in der amerikanischen Szene von Schwerbehinderten eher nicht statt. Die Arbeitslosigkeit unter Blinden ist in den USA übrigens ähnlich hoch wie in Deutschland, in beiden Ländern liegt die Zahl der erwerbsfähigen Blinden ohne Job bei deutlich über 70%.

Und in meinem Fall ist es sogar so, dass beide Firmen einen amerikanischen Hintergrund haben. Obwohl europäische Dependencen, die mich nach deutschem Recht anstellen, ist doch der Mutterkonzern in beiden Fällen amerikanisch. Ich habe mich durchaus auch schon bei in Deutschland ansässigen Firmen mal beworben, aber wegen nicht gemachter Abschlüsse und der Schwerbehinderung ist es hierzulande trotz inzwischen viel Berufserfahrung viel komplizierter. Und da bleibt man dann halt auch schon mal 12 Jahre bei einem Arbeitgeber. 😉

Es gab in den letzten Jahren durchaus auch Angebote, aber die hätten sämtlichst nur angetreten werden können, wenn ich bereit gewesen wäre, in die USA umzusiedeln. Und es gibt verdammt viele Gründe, weswegen das nie passieren wird. Das deutsche Gesundheitssystem ist, obwohl viel drüber geschimpft wird, so verdammt viel besser. Und über Politik brauchen wir gar nicht erst zu reden. Außerdem lebe ich gern in einem Land, in dem ich nicht ständig das Gefühl haben muss, jeder, der an mir vorbei läuft, könnte eine Waffe dabei haben.

12 Jahre bei Mozilla, und zur Zeit ist zumindest kein Ende in Sicht.

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Behinderung Blindheit Privates

Anrecht auf Euroschlüssel für Behindertentoiletten

Bis vor ein paar Tagen wusste ich noch nicht, dass sowohl meine Herzdame als auch ich Anrecht auf einen Euroschlüssel für Behindertentoiletten haben. Erst ein Freund, selbst auch blind, der den plötzlich bei passender Gelegenheit aus der Hosentasche zog, und ein entsprechender Anschlag neben so einer Behindertentoilettentür, öffneten uns die Augen.

Wir haben unsere daraufhin bestellt. Meinen, ohne Verzeichnis, habe ich schon am nächsten Tag bekommen. Der für Petra kam gestern, mitsamt einem dicken Verzeichnis mit über 12.000 Toiletten, die wir damit nutzen können.

Weitere Infos hierzu und zu vielen anderen Themen rund um das, was der Erhalt eines Schwerbehindertenausweises in Deutschland an Rechten und Zugängen ermöglicht, findet ihr auf den Seiten von Seh-Netz e.V..

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Behinderung Gesellschaft Politik

Bundesteilhabegesetz: Jetzt oder erst in 10 Jahren

Am Samstag, den 29.10.2016 fand im Haus des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Hamburg eine Diskussionsveranstaltung der SPD-Bundestagsfraktion zum aktuellen Stand des Bundesteilhabegesetzes statt. Geladen hatte der aktuelle SPD-Abgeordnete des Wahlkreises Hamburg-Mitte, Johannes Kahrs. Und es war als Gast die Bundesministerin für Arbeit und Soziales, Andrea Nahles, erschienen.

Der Saal war etwa zur Hälfte gefüllt, als die Veranstaltung pünktlich um 17:00 Uhr vom Gastgeber Johannes Kahrs eröffnet wurde. Erschienen waren sowohl Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen als auch Angehörige, Vertreter von Organisationen und Verbänden wie der Landesarbeitsgemeinschaft für Behinderte Hamburg, Leben mit Behinderung und andere.

Paradigmenwechsel

Nach den einleitenden Worten ergriff Ministerin Nahles das Wort und erläuterte zunächst einmal die Grundzüge des im Moment im parlamentarischen Verfahren befindlichen neuen Bundesteilhabegesetzes. Einer der Hauptaspekte, den sie im Laufe der Veranstaltung auch mehrmals wiederholte, ist, dass ein Paradigmenwechsel weg von der Defizitorientiertheit einer ganzen Gruppe hin zu individuellen Teilhabeanforderungen der jeweiligen Person stattfindet. Man landet als z.B. blinder oder gehörloser Mensch nicht immer sofort in einem bestimmten Muster, sondern es wird für jeden Fall ein individueller Teilhabeplan erstellt.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Peer-Beratung, die mit diesem Gesetz eingeführt wird. Die Beratungsleistungen sollen flächendeckend, mit zwei Beratern pro 200.000 Einwohnern, zur Verfügung gestellt werden. Frau Nahles versicherte mehrmals, dass es sich hierbei auch nicht um eine anonyme Hotline, sondern um Beratung vor Ort handelt.

Die 5-aus-9-Regelung

Ein sehr oft an diesem Nachmittag diskutierter Punkt war die auch schon im Vorfeld viel kritisierte sog. 5-aus-9-Regelung, §99 des neuen Gesetzeswerkes. Auch hier findet ein Paradigmenwechsel statt, der entweder bisher einfach schlecht kommuniziert wurde oder von sehr vielen Menschen nicht verstanden. Denn auch hier geht es nicht mehr defizitorientiert zu, sondern die Punkte betreffen verschiedene Assistenzbedarfe. So hat ein blinder Mensch z. B. im Studium genauso Bedarf an Kommunikationsassistenz wie ein gehörloser, nur in ganz anderer Form. In einem Fall geht es um Materialien in nicht zugänglicher gedruckter Form, im anderen um das Gebärdendollmetschen. Und so wird es mit anderen Punkten ähnlich durchdekliniert. Auch dient der §99 lediglich dazu, die Tür zu öffnen. Der tatsächliche Bedarf wird dann im individuellen Teilhabeplan erarbeitet.

Frau Nahles versicherte mehrmals während der Diskussion und auch in einem Einzelgespräch am Ende der Veranstaltung, an dem ich indirekt teilnahm, dass es niemals das Ziel war, durch diese Regelungen jemanden aus der Teilhabe heraus zu drängen. Es geht eben nicht um "nur sehbehindert" oder "nur gehörlos" o. ä., sondern um die tatsächlich anfallenden Bereiche, in denen Assistenz benötigt wird. Frau Nahles versicherte im erwähnten Einzelgespräch mehrmals, dass bei allen im Ministerium durchgeführten Fallstudien kein einziger Fall aufgetreten sei, wo jemand, der "nur blind" ist, diese fünf Bereiche nicht locker zusammen bekommen hätte.

Feldstudien und Verschiebung des §99

Da dieser Paragraph jedoch in den Rückmeldungen, Protestaktionen und anderen Gesprächen eine solche Unsicherheit verursacht hat, wird es im Gesetz eine 3-jährige Übergangsregelung für diesen einen Bereich geben. Es sollen Feldstudien durchgeführt werden, um sicherzustellen, dass der §99 auch tatsächlich in der Praxis so funktioniert wie beabsichtigt, dass eben niemand nur durch diese Regelung gar nicht bis zur Erstellung des individuellen Teilhabeplans kommt. Nach jetzigem Planungsstand soll also das Bundesteilhabegesetz am 01.01.2017 in Kraft treten, der §99 aber erst am 01.01.2020 und auch nur dann, wenn die Feldstudien die Praxistauglichkeit untermauert haben. Ansonsten – und das sagte sie wörtlich – bleibt es bei der jetzigen Regelung. Es soll niemand schlechter gestellt werden.

Noch einiger Klärungsbedarf mit der Pflege

Auch der Bereich der Pflege, die ja im Bundesteilhabegesetz nicht berücksichtigt wird und die auch nicht wie von manchen gehofft aus der Sozialhilfe heraus gelöst wurde, sorgte für einigen Diskussionsstoff. Zum einen stellte Frau Nahles klar, dass sie für so ein Mammut-Projekt gar nicht das Mandat hatte und es eben im Bundesteilhabegesetz um die anderen Bereiche der Eingliederung ging. Zum anderen stellte sie in Aussicht, dass sie mit Gesundheitsminister Gröhe noch in Gesprächen sei, auch hier noch einige Verbesserungen in Abstimmung mit dem Bundesteilhabegesetz zu erzielen. Hier blieb sie jedoch vage, weil eben die Gespräche noch im Gang seien und es wohl auch einiges Gezerre gibt.

Auch in einigen anderen Bereichen stellte sie klar, dass sie nicht frei von Abstimmung vor allem mit dem Bundesfinanzminister ist, der (übrigens auch laut Grundgesetz) ja immer das Finanzierungsveto einlegen kann. Also: Obwohl es darum geht, die UN-Behindertenrechtskonvention umzusetzen, muss sie bei allem, was sowohl den Bund als auch die Kommunen Geld kostet, hart verhandeln.

Protestaktionen "kein guter Lobbyismus"

An einer Stelle machte vor allem Herr Kahrs meiner Meinung nach dann absolut aber keine gute Figur. Als es im Laufe der Diskussion um die Protestaktionen rund um den Hashtag #NichtMeinGesetz ging, wurde ganz klar gesagt, dass dies dem Prozess wenig dienlich gewesen war. Herr Kahrs meinte ungefähr: Wenn mehr Geld gewollt ist, muss für mehr Geld gestritten werden und nicht das Gesetz als solches abgelehnt werden. Und er machte klar, dass durchaus die Gefahr bestanden hätte, dass Herr Schäuble den Slogan "nicht mein Gesetz" wörtlich nimmt und das Gesetzesvorhaben an sich hätte verhindern können. Und es wurde auch ganz klar gesagt: Wenn das Gesetz jetzt nicht kommt, greifen sich andere die vorgesehenen hunderte Millionen Euro für ihre Vorhaben, und dann sehen wir in den nächsten 10 Jahren kein neues Vorhaben in dieser Richtung und bleiben bei den aktuellen Regelungen in allen Bereichen. Andererseits, so Frau Nahles, wenn das Gesetz erst einmal da ist, kann man auch bei Bedarf viel leichter an verschiedenen Stellschrauben drehen, wenn die ursprünglichen Regelungen sich in der Praxis nicht bewähren.

Meine persönliche Meinung hierzu ist, dass es durchaus sehr unglücklich war, wie Herr Kahrs und auch offensichtlich einige andere Parlamentarier die Protestaktionen bewertet haben. Und ich glaube, dass die sehr guten Aktionen und die massive Öffentlichkeitsarbeit dazu geführt haben, dass es jetzt tatsächlich noch Besserungen gibt.

Meiner Meinung nach sollte die Stoßrichtung sich jetzt aber auch darauf verlagern, in den nächsten Wochen im Vorwege noch einige Verbesserungen einzubringen. Die Veranstaltung gestern brachte einige weitere Punkte zu Tage, die Frau Nahles aufnahm und in diesem Projekt noch einfließen lassen will. Und auch für die Zukunft sind weitere Verbesserungen möglich, es wurde z. B. das Finnische Modell angesprochen, bei dem es darum geht, ein pauschales Budget zur Verfügung zu haben, mit dem der Mensch mit Behinderung selbst einen Teil des Assistenzbedarfs regeln kann.

Am 07.11. findet eine Anhörung im Sozialausschuss des Bundestages statt. Wer daran teil nimmt und gehört wird, sollte sich meiner Meinung nach bemühen, am bestehenden Entwurf noch Verbesserungen einzufordern, aber das Gesetz als solches ganzes nicht mehr pauschal abzulehnen. Das Gesetz wird kommen, denn wenn es nicht kommt (siehe oben), hängen wir weitere 10 Jahre mit den alten Regelungen und finanziell katastrophalen Regelungen an.

Weitere Eindrücke

Erfrischend empfand ich, dass Frau Nahles sich nicht in Allgemeinplätzen erging, wie es ja häufig bei Auftritten vor der Presse stattfindet. Hier fand eine von der SPD organisierte öffentliche Veranstaltung für Betroffene und Interessierte statt, und der Umgangston war demzufolge direkter, teils sogar kollegial, weil viele in der Behindertenassistenz engagierte Menschen, die dort waren, anscheinend auch SPD-Mitglieder sind. So bekamen wir eine sehr direkte Kommunikation hin, und ich hatte über weite Strecken auch das Gefühl, dass Frau Nahles Dinge weder medial dramatisierte noch in Floskeln verklausuliert beschönigte. Sie sagte selbst, dass das Gesetz nicht perfekt ist und dass leider eben nicht alle Vorstellungen der Gruppen, die an der Entstehung des Gesetzes beteiligt waren, berücksichtigt werden konnten. Die gesamten Wünsche hätten ihrer Aussage zu Folge ein Volumen von 20 Milliarden Euro gehabt. Als dann die Gruppen gebeten wurden, die wichtigsten drei Punkte aufzuschreiben, stellte man fest, dass es übergreifend sehr viel Konsens gibt, aus denen dann das Gesetz geformt wurde. Als Beispiel nannte Frau Nahles die Peer-Beratung.

Auch einen weiteren Punkt fand ich bemerkenswert: Frau Nales scheute sich nicht, ganz klar zu betonen, dass das Gesetz zum Ziel hat, weg von den Verbänden hin zu den Individuen zu kommen. Sie sagte, dass auch Untersuchungen in ihrem Haus gezeigt hätten, dass da viel Geld in den Verbänden versackt, das besser den Menschen mit Behinderung selbst zu Gute kommen soll. Und dass sie dafür auch deutliche Kritik von den Verbänden bekommen hat. Dies sagte sie sehr offen, obwohl im Lauf der Diskussion auch deutlich wurde, dass Vertreter solcher Verbände im Publikum saßen.

Fazit

Ich werde den Hashtag #NichtMeinGesetz in Zukunft nicht mehr verwenden. Ich glaube, dass das Gesetz so wie es ist längst nicht perfekt ist, aber etwas, auf dem man dann aufbauen kann. Nur liegt es auch an uns Betroffenen, da jetzt umzuschwenken und im eigenen Interesse anders zu agieren als bisher. Eine pauschale Ablehnung des Gesetzeswerkes ist nicht (mehr) zielführend.

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Behinderung Blindheit Gesellschaft

„Zahlen Sie zusammen oder getrennt?“

OK, ich gebe es zu, ich bin hochgradig verwirrt. Es ist meiner Herzdame (sehend) und mir (blind) heute innerhalb kurzer Zeit zum zweiten Mal in einem Restaurant passiert, dass wir gefragt wurden, ob die Rechnung „zusammen oder getrennt“ beglichen werden sollte. Und auch bei anderen Restaurants ist dies uns in den letzten Monaten und Jahren immer wieder passiert.

Warum diese Frage? Stellen Kellner die heutzutage jedem Paar, das ohne Kinder unterwegs ist? Sehen wir nicht wie ein Pärchen aus? Warum wird uns in unschöner Regelmäßigkeit diese Frage gestellt? Werden wir für Betreuerin und zu Betreuender gehalten?

Nur um eines klarzustellen: Meine Herzdame und ich sind im gleichen Alter. Wir sind seit 3,5 Jahren zusammen und seit dem 30.12.2013 verheiratet. Wir tragen Eheringe, allerdings an der linken Hand, was für Deutschland eher unüblich ist.

Wie ergeht es euch? Gerade Paare, die ohne Kinder unterwegs sind und gemeinsam essen gehen. Werdet ihr auch häufiger mal gefragt, ob ihr die Rechnung „zusammen oder getrennt“ begleichen wollt? Ist das heute so üblich? Geht man nicht mehr davon aus, dass bei Paaren eventuell es sehr wahrscheinlich ist, dass eine(r) von beiden die Rechnung begleicht? Was muss man heutzutage tun, um als Paar erkannt zu werden? Turtelnderweise nebeneinander anstatt sich gegenüber sitzen? Mindestens einmal während des Restaurantaufenthalts knutschen?

Bin sehr auf eure Erfahrungen gespannt!

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Behinderung

Bewunderung? Bewunderer, lasst das!

In dieser Woche ist es zweimal vorgekommen, dass mir gegenüber von mir wildfremden Menschen aus heiterem Himmel ihre „große Bewunderung“ zum Ausdruck gebracht wurde. Einmal per Mail, einmal per privater Nachricht bei app.net.

Die Wortwahl war in beiden Fällen ähnlich: „Deine Lebenseinstellung ist bewundernswert“ oder „Ich bewundere Menschen wie dich…“

Dies ist beileibe nicht das erste Mal, dass mir so etwas gesagt wird. Nichts desto weniger lässt es mich immer wieder sprachlos zurück. Denn es kommen gleich mehrere Fragen in meinem Kopf zustande:

  • Erwartet der Schreiber eine Antwort?
  • Wenn ja, was für eine? Dank? Einen Kniefall? Eine herzzerreißende Lebensgeschichte, die ihn darin noch bestätigt?
  • Was will er oder sie mir gegenüber wirklich zum Ausdruck bringen?

Oh ja, ich stelle mir gerade auch diese letzte Frage immer wieder, wenn ich solche „Komplimente“ bekomme. Denn was drückt diese Art der „Bewunderung“ denn aus? Hier mal einige Vorschläge:

  • „Dass du als Behinderter überhaupt dazu fähig bist, solche Artikel zu schreiben, ein Handy zu benutzen….“ oder Varianten hiervon.
  • „Dass du nicht vor Gram zu Hause sitzt und von einer Depression in die nächste rutschst“
  • „Dass Blinde überhaupt selbstständig lebensfähig sind!“

Diese Liste ließe sich sicherlich noch erweitern, aber ich denke, es wird deutlich, wie solche „Bewunderung“ bei mir ankommt.

Und das ist der Moment, wo ich dann fassungslos vorm Rechner sitze und mich frage, was für eine Vorstellung der Schreiber oder die Schreiberin denn von meinem Leben überhaupt hat. Stellen sie sich vor, dass ich, wie angeblich einst Kaspar Hauser, die ganze Zeit von der Öffentlichkeit ferngehalten würde? Dass Blinde im allgemeinen und ich im besonderen doch so etwas wie Computer bedienen gar nicht können dürften, weil sie ja den Bildschirm nicht sehen? Dass Blinde allein überhaupt nicht (über)lebensfähig seien?

Was ist es, das manche Mitmenschen zu solchen Äußerungen bringt? Denn obwohl es in Deutschland in puncto Behindertenpolitik noch viel zu kritisieren und zu verbessern gibt, ist es doch so, dass es seit Jahrzehnten strukturierte Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten für Blinde gibt, angefangen von der normalen schulischen Ausbildung über Berufsausbildungen oder Studium hin bis zu Förderungsmaßnahmen für Späterblindete. Wenn man sich nicht selbst isoliert und etwas mit seinem Leben machen will, dann kann man dies in diesem Lande durchaus tun!

Dabei unterstelle ich den Schreibern keineswegs Boshaftigkeit in ihren Worten. Im Gegenteil: Weil sie sich selbst wahrscheinlich überhaupt nicht vorstellen können, mit einer Behinderung, sei es nun Blindheit oder eine andere, zu leben, heben sie Behinderte bzw. in diesem Fall mich, auf ein Podest. Ich entspreche eben so gar nicht ihrer Vorstellung. Meine Lebenspartnerin @Akshaya hat hierüber an dieser Stelle noch viel ausführlicher und sehr treffend geschrieben.

Wären diese Anschreiben einfach Danksagungen für einen bestimmten Artikel oder eine Hilfestellung gewesen, weil man z. B. neue Erkenntnisse gewonnen hat, hätte ich mich einfach nur gefreut und mich bedankt. So weiß ich nach wie vor nicht, wie ich darauf reagieren soll. Mich bedanken dafür, dass jemand davon überrascht ist, dass ich ein ganz normales Leben führe? Öhm sorry, das passt irgendwie gar nicht zusammen!

Übrigens ist mir so etwas bisher nur in Deutschland gesagt worden. Durch meine Arbeit und mein englischsprachiges Blog bin ich auch über die Grenzen des deutschsprachigen Raumes nicht ganz unbekannt. Und aus dem Englischen kam bisher niemand auf die Idee, mich dafür zu bewundern, dass ich lebe. Klar wird sich für Artikel bedankt, diskutiert o. ä., aber dass ich prinzipiell zu einem ganz normalen Leben fähig bin, ist noch nie angezweifelt worden.

Mich verunsichert diese Art Umgangsform sehr. Ich weiß dann überhaupt nicht, wie ich mich verhalten soll. Erklären, dass ich ein ganz normales Leben führe und so versuchen, den Sockel, auf den ich gerade gestellt wurde, zu zerschmelzen? Mich bedanken, auf so einen Sockel gehievt worden zu sein? Ich habe absolut keinen Plan! Über erklärende Kommentare würde ich mich sehr freuen!

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Behinderung

Bei ARD und ZDF gucken Sie in die erste Röhre

Am 25.06.2012 kündigten ARD und ZDF Kabel Deutschland die Verträge zur Einspeisung von HD-Inhalten ins digitale Kabelnetz. Da es bisher keine Einigung gab, werden seit heute diverse Kürzungen im Umfang der öffentlich-rechtlichen Angebote bei Kabel Deutschland wirksam.

Zum einen wird die Bandbreite für HD-Inhalte auf das Niveau heruntergestrichen, das man von den HD-Inhalten der Privatsender kennt. Dies bedeutet eine deutliche Verschlechterung der Bildqualität. Statt gestochen scharfen Bildmaterials gibt es in Zukunft Matsch in 1080P Auflösung.

Zum zweiten werden die Regionalangebote der dritten Programme zusammengestrichen. Hamburger N3-Zuschauer können somit ab sofort nur noch die regionalen Zeitfenster aus Hamburg gucken, nicht mehr die aus Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen oder Schleswig-Holstein.

Ob von der Bandbreitenkürzung noch weitere Angebote betroffen sind wie z. B. die alternative Tonspur für Hörfilme für Blinde, ist nirgends zu finden. Da es sich aber um eine komplette Tonspur handelt und die Privaten nicht gerade dafür bekannt sind, dass sie diese ausstrahlen, steht zu befürchten, dass es auch hier Einschränkungen geben könnte.

Angesichts dieser Tatsache empfinde ich folgenden Auszug aus der Meldung bei Tagesschau.de als reinen Zynismus:

„Das ist eine freie unternehmerische Entscheidung eines Anbieters, der im Wettbewerb steht“, erklärte Walther Kehr, Sprecher des MDR, der in dieser Frage in der ARD federführend ist. Nach erster Einschätzung seien dadurch „die gesetzlichen Regeln nicht verletzt“. Zudem gebe es zahlreiche andere Anbieter, sodass „genügend Empfangsalternativen für die Zuschauer zur Verfügung stehen“, sagte Kehr.

Schauen wir uns diese „Alternativen“ doch mal genau an:

Das terrestrisch, also über Haus- oder Zimmerantenne, empfangbare digitale Fernsehen DVB-T, das „Überall-Fernsehen“, bekommt lediglich beim ZDF lediglich Hörfilmfassungen auf einer qualitativ deutlich schlechteren Tonspur eingespeist. In sämtlichen ARD-Programmen wird keine Einspeisung der Hörfilmfassung vorgenommen. Dies hat angeblich Kompatibilitätsgründe, wie mir ein Mitarbeiter des NDR im Jahr 2010 per E-Mail schrieb. Sämtliche blinde und sehbehinderte Zuschauer, die die öffentlich-rechtlichen Sender per DVB-T empfangen müssen, haben hier also von vorn herein kein oder ein deutlich schlechteres Angebot als Kunden des Kabelfernsehens.

Satellitenempfang bekommt nach meinen Informationen eine ähnlich gute Einspeisung an Hörfilmangeboten wie das Kabelfernsehen. Allerdings können sich wohl nur Eigenheimbesitzer, und auch hier nur die mit eigenem haus und Grundstück, eine Satellitenschüssel hinstellen. Eigentümergemeinschaften oder Vermieter erlauben in der Regel kein Anbringen einer Satellitenschüssel, wenn dies technisch überhaupt realisiert werden kann. Auch hier ist also eine erhebliche Einschränkung zu verzeichnen.

Schaut man sich ein Internet-TV-Angebot wie T-Home Entertain von der Telekom an, so ist auch hier keine Einspeisung von Hörfilmangeboten zu verzeichnen. Ich war selbst ein Dreivierteljahr Entertain-Kunde, und es gab bei dem von der Telekom zur Verfügung gestellten Media Receiver keine Möglichkeit, eine alternative Tonspur einzustellen. So blieben für mich die Tatort-Hörfilm-Angebote und sämtliche anderen Hörfilme unerreichbar. Eine Anfrage bei der Telekom bestätigte, dass sie das Material weitergeben, das sie von den Anbietern bekommen, und sie können selbst keine weiteren Tonspuren aufschalten.

Kabelfernsehen, außerhalb von Baden-Würtemberg mit einem überwiegenden Marktanteil von Kabel Deutschland zur Verfügung gestellt, ist also die einzige Quelle, die man berechtigterweise als allumfassend für das Hörfilmangebot für Blinde bezeichnen kann.

Und nun stellt sich ein von staatlichen Mitteln getragener Verbund von Sendern hin und sagt: „Ihr seid ja eh gesetzlich verpflichtet, unser Angebot zu übernehmen, also brauchen wir euch dafür nichts zu bezahlen.“ Kabel Deutschland ist jedoch im Gegensatz dazu kein staatliches Unternehmen und muss Kapazitäten für die höheren Qualitäten zur Verfügung stellen. Dass sie sich das bezahlen lassen wollen, kann ihnen keiner vorwerfen.

Und jetzt denken wir nochmal einen Schritt weiter: Im September 2012 erhielt ich von der GEZ ein Mitteilungsschreiben, in dem mir die neue Gebührenstruktur erläutert wurde. Ab 2013 muss jeder Haushalt eine Rundfunkgebühr entrichten. Das Zeichen RF im Schwerbehindertenausweis, das bisher für eine Befreiung von der GEZ-Gebühr stand, bewirkt jetzt lediglich noch eine Minderung des zu zahlenden Betrages. Ich soll also in Zukunft für eine Leistung Geld bezahlen, die sich gerade zum Start des neuen Jahres verschlechtert hat, weil genau der Verbund an Sendern für eine Dienstleistung kein Geld mehr bezahlen will. Dazu kommt, dass sich die Situation an Hörfilmangeboten, Untertiteln oder Übersetzung in die deutsche Gebärdensprache in den letzten Jahren nur marginal verbessert haben.

Das haben dann, nachdem das neue Gesetz schon seit Mitte 2011 in trockenen Tüchern ist, jetzt auch unsere Interessenvertreter, die Behindertenverbände, gemerkt, und rechtzeitig zu Weihnachten 2012, wo das eh keiner beachtet, ging dann also ein Aufpiepsen durch die Gemeinde. Angeblich soll es Verhandlungen und Gespräche gegeben haben und weiter geben, aber wie in Deutschland üblich hinter verschlossenen Türen, ohne jegliche Transparenz und ohne die mögliche Einflussnahme derer, deren Interessen wirklich vertreten werden müssten.

Ich freue mich schon auf die erste Zahlungsaufforderung der GEZ und das Widerspruchsschreiben, das ich denen daraufhin um die Ohren hauen werde!

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Behinderung Politik Soziales

Deutschlands Bildungssystem braucht eine digitale Revolution

Die Urheberrechts- und Rechteverwertungsdebatte läuft in Deutschland ja nun schon einige Wochen. Eine neue Richtung bekam sie dieser Tage durch diesen Artikel in der Financial Times Deutschland, in dem es um die Verletzung des Urheber- bzw. Verwertungsrechts durch Lehrer geht, wenn sie digitale Kopien von Auszügen aus Schulbüchern erstellen.

Beim Lesen des Artikels schrie es in mir an vielen Stellen, an denen die „Probleme“ der Verlage geschildert wurden, laut und deutlich „eBooks!“. Die Lösungen für die Probleme, die die Verlagsleiter so dramatisch schilderten, liegen schon längst vor. Sie müssen nur umgesetzt werden.

Da wäre zunächst einmal das Rohmaterial, aus dem heutige Schulbücher erstellt werden. Diese liegen in der Regel schon in digitaler Form vor. Oder entwickeln Schulbuchautoren ihre Werke immer noch mit Zettel und Bleistift und später auf einer Schreibmaschine? 😉 Wohl kaum. Word & Co. sind ihre Arbeitswerkzeuge. Die gesamten Materialien liegen also schon in einem verwertbaren Format vor.

Diese werden dann durch Adobe InDesign o. ä. in setz- und somit druckbare Form gebracht. Wieder eine digitale Form des Buches als Zwischenschritt zum endgültigen Werk, dem gedruckten Buch. Für dieses musste der Regenwald mal wieder ein paar Bäume hergeben, die Kunststoffindustrie steuerte die Verklebung für die Seiten bei, und die Druckerschwärze tut ihr übriges zur Umweltbelastung. Aus dem eigenen Schulalltag weiß ich, dass in vielen Büchern, wenn überhaupt, nur die Hälfte verwertet wird, der Rest wird übersprungen o. ä., und in zwei Jahren kommt die nächste Auflage, so dass die Schüler der übernächsten Klasse diese Buchausgabe nicht mehr werden nutzen können. Die Bücher werden eingestampft und recycelt.

Wenn ich mir dann noch vorstelle, dass die im Artikel genannten Zahlen der verschiedenen Ausgaben eines einzigen Buches akkurat sein dürften, da drängt sich mir nur auf, was für ein Wahnsinn doch unser Bildungssystem ist, dass so viel Verschwendung herrscht, subventioniert vom Steuerzahler und ohne jegliche Nachhaltigkeit!

Und dann die Redigitalisierung: Da müssen sich heute Lehrer hinsetzen, ein Buch bzw. Passagen daraus einscannen und dann noch durch eine Texterkennung schicken, um wieder eine digitale Form des Textes zu bekommen. Diese brauchen sie u. a., um sie einem blinden Schüler zukommen lassen zu können, entweder direkt oder per Ausdruck in Blindenschrift. Jeder, der dies schon mal gemacht hat, weiß, was für ein Aufwand das ist, trotz der heute sehr guten Texterkennung. Was für ein unnötiger Mehraufwand für die Lehrkraft!

Kommen wir also zurück auf das, was passieren müsste, um diesem Problem Herr zu werden. Wir waren ja vorhin schon mal kurzzeitig bei den digitalen Fassungen, die es ja schon gibt. In einer Welt, wie ich sie mir vorstelle, muss nach dem Layouten der nächste Schritt der sein, das Buch in ein für im Unterricht verwendete Tablets verwertbares Format auszugeben. Jedes Kind sollte leihweise mit einem Tablet wie dem Apple iPad ausgestattet werden, auf dem es Zugriff auf seine benötigten Unterrichtsmaterialien bekommt. Keine die Umwelt belastenden Kopien wären mehr nötig, durch vorhandene DRM-Techniken könnten die Verlage ganz klar die Verwertungsrechte kontrollieren. Man kann iPads so absichern, dass die Schulkinder damit nichts tun können, was nicht gewollt ist. iPads wären nachhaltig, sie sind trotz sich regelmäßig erneuernder Gerätegenerationen nicht so schnell veraltet wie Druckerzeugnisse.

iPads hätten auch den Vorteil, dass Barrierefreiheitsfunktionen für Blinde und Menschen mit anderen Behinderungen gleich an Bord sind, hierfür also kein extra Geld ausgegeben werden muss. Auch gibt es bei einem so kontrollierten System, wie Apple es anbietet, keine Gefahr der Splitterung und Inkonsistenten, wie dies z. B. leider beim Betriebssystem Android der Fall ist. Das iPad bietet durch seine intuitive Bedienung auch solchen Menschen Zugang, die (z. B. aufgrund einer autistischen Störung) zu Printmedien überhaupt keinen Zugang finden. Einen solchen Menschen gibt es in meinem privaten Umfeld tatsächlich.

Hinweis: Ich bin in keiner Weise mit der Firma Apple assoziiert. Das iPad bietet jedoch die konsistenteste und zuverlässigste Plattform für ein solches Vorhaben.

Dass das iPad an Schulen Unterrichtsmaterialien aus Papier ersetzt, wird in einigen Ländern bereits mit Erfolg praktiziert. Tools wie iBooks Author bieten längst die Möglichkeit, multimediale Unterrichtsmaterialien zu erstellen, inklusive voller Barrierefreiheit für die meisten Schüler mit Behinderungen.

Der Revolutionsteil dieses Blogeintrags betrifft die Verlage. Sie sind es, die den Mut haben müssen, diesen Schritt zu wagen. Selbst wenn das Endprodukt kein Buch ist, das man aufschlagen und zerfleddern kann, wird das Erzeugnis verlegt. Und er betrifft die Politiker, vor allem die Kultusminister. Sie sind es, die den Mut haben müssen, z. B. an Apple heranzutreten und mit der Firma einen Deal auszuhandeln, mit dem für alle Schüler, egal welcher sozialen Herkunft sie entspringen, chancengleich die Unterrichtsmaterialien digital zur Verfügung gestellt werden können.

Die technischen Möglichkeiten sind längst da! Sie liegen im Bildungsbereich ziemlich brach, weil der Mut, der visionäre geist fehlt, sie einzusetzen.

Ich hoffe, dass dieser Beitrag einen Anstoß gibt, dass vielleicht der eine oder andere mal überlegt, ob das nicht ein möglicher Weg wäre, den man beschreiten kann. Er würde so viele Probleme lösen, dass man sie an einer Hand gar nicht abzählen kann!

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Behinderung Blindheit Politik Sexualität

Diskriminierung aus den eigenen Reihen ist die schlimmste

Auf Twitter entspann sich heute eine der ekelhaftesten Diskussionen, die ich in diesem Medium jemals erlebt habe. Ennomane war zu Gast bei ZIBB und berichtete über den Erhalt eines Cochlea-Implantats. Er verlor im jugendlichen Alter sein Hörvermögen und hat durch das CI einen Teil davon jetzt, ca. 20 Jahre später, zurückerlangt.

Als Reaktion darauf warf EinAugenschmaus ihm vor, er hätte sich in diesem Beitrag als gehörlos bezeichnet, obwohl er das laut (ihrer) Definition gar nicht sei, weil er nicht von Geburt an gehörlos sei. „Spätertaubt“ oder „schwerhörig“ wären angemessen gewesen, „gehörlos“ jedoch auf gar keinen Fall.

Das war nicht das erste Mal, dass ich solche oder ähnlich geartete Aussagen von EinAugenschmaus lesen musste. Diese scheinbare Einteilung in Gehörlose erster und zweiter Klasse erschreckt mich zutiefst.

Würde ich diese Aussage auf das Thema Blindheit übertragen, hieße das, dass ich, der ich geburtsblind bin, ein „besserer“ Blinder wäre als mein bester Freund, der im Alter von 18 Jahren sein Augenlicht verlor. Dabei bin ich es, der eine Hell-Dunkel-Wahrnehmung hat, der Freund hingegen gar kein Lichtempfinden mehr hat, da er zwei Glasaugen trägt. Darf er sich, oder darf ich mich dann nicht als „blind“ bezeichnen? Der Effekt ist der gleiche: Wir können beide keine Farben sehen, keine Gegenstände, kein Auto fahren, keine Straßen- oder Hausnummernschilder lesen usw.

Der Freund musste die Brailleschrift nach seiner Erblindung erlernen, ich erlernte sie in der Grundschule. Diese Schrift ist eine eigene Schriftsprache, die aber auch von Sehenden erlernt werden kann. Genauso kann Gebärdensprache von im Laufe des Lebens ertaubten Menschen und Hörenden gleichermaßen erlernt werden. Selbst ich beherrsche einige wenige rudimentäre Gebärden, z. B. meinen Namen. Ist der eine dann gehörloser als der andere, nur weil der andere zufällig einen Teil seines Lebens hören konnte?

Genauso könnte man fragen, ob nur Männer, die sich regelmäßig in einen Fummel schmeißen, Anzugträger oder Lederkerle als einzige das „Recht“ haben, sich als schwul zu bezeichnen. Ist nur derjenige „richtig“ schwul, der auf BDSM-Praktiken steht? Ist nur die Frau „richtig“ lesbisch, die in ihrem Leben noch nie eine Erfahrung mit einem Mann gemacht hat oder – Gott bewahre – gar Mutter eines oder mehrerer Kinder ist?

Ist nur derjenige ein echter Rollstuhlfahrer, der einen Querschnitt hat, derjenige, der aufgrund einer Spastik im Rollstuhl sitzt, sich aber notfalls ein paar Meter auf den Beinen oder dem Hintern ohne Rollstuhl fortbewegen kann, aber nicht?

Mir würden sicherlich noch zig Beispiele mehr einfallen. Ich stoppe aber hier. ich denke, die Absurdität dieser anscheinenden Einteilung dürfte jedem klar geworden sein.

Solange eine „Community“, eine „Randgruppe“ Mitglieder hat, die eine solche diskriminierende Einteilung vornehmen, braucht sie keine Diskriminierung von außen, denn die schlimmste aller Diskriminierungen kommt von innen. Der weitläufige Spruch „Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr“ passt hier ziemlich gut.

Und es erschreckt mich. Es erschreckt mich zu sehen, wie durchaus nicht wenig prominente Mitglieder einer „Community“ ihrer eigenen Sache so schaden können. Denn wer soll die Anliegen einer solchen „Community“ ernst nehmen, wenn innerhalb derselben Mitgliedern so ins Knie geschossen wird?

Das Cochlea-Implantat ist in der Gruppe der Gehörlosen nicht unumstritten. Die einen meinen, wenn es eine Chance gibt, in der Umwelt, die nun mal von Hörenden dominiert wird, besser zurecht zu kommen, sollte man sie nutzen. Die anderen besingen die apokalyptische Vision des Untergangs der eigenen, besonderen Kultur. Es gibt sogar gehörlose Eltern, die ihrem ebenfalls gehörlosen Kind ein CI verweigern mit der Begründung, das würde das Kind mit der Kultur der Hörenden „vergiften“.

Das wäre ungefähr so, als würde ich mir, der ich mit einem Blindenführhund unterwegs bin, anmaßen zu sagen, wer stattdessen einen weißen Stock als Mobilitätshilfe verwendet, wäre ein „schlechterer Blinder“. Ich fluche zwar ab und an wie ein Rohrspatz, wenn ich mal mit Stock unterwegs sein muss, weil sich dies für mich tatsächlich wie eine eingeschränkte Mobilität anfühlt. Das ist aber mein rein persönliches Empfinden und bedeutet nicht, dass ich die Orientierung per Stock per se als zweitklassig einstufen würde.

Diese ganze Geschichte hinterlässt bei mir einen sehr bitteren Nachgeschmack. ich sitze fassungslos vorm Rechner und denke mir, ich bin im falschen Film!

Ich wünsche mir, dass die Communities geschlossen für ihre Sache einstehen, anstatt sich intern gegenseitig wegen eventuell unterschiedlicher Lebensentwürfe im einen oder anderen Punkt zu behakeln. Denn die großen Ziele, seien es Untertitel oder Gebärdensprach-Erweiterungen für Gehörlose, Audiodeskription oder „kein Shared Space in Städten“ für Blinde, oder die vollständige Gleichstellung mit der Ehe von Schwulen und Lesben, kommen allen Mitgliedern der Gemeinschaft zugute, egal ob sie von Geburt an gehörlos sind oder es im lauf ihres Lebens wurden, mit Blindenführhund oder Stock unterwegs sind, schon als Teenager ihr Coming Out hatten oder erst mit 40 oder 50, nachdem schon eine heterosexuelle Ehe geführt wurde, aus der Kinder stammen.

Die Akzeptanz, Integration und Inklusion fängt in den eigenen „vier Wänden“ an und nicht beim Politiker an der nächsten Ecke!

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Behinderung Blindheit

Blind ist nicht gleich blind

Gestern entspann sich auf Twitter eine Diskussion, nachdem Heiko Kunert diesen Artikel getwittert hatte. Die zentrale Frage war, was Farben für Blinde bedeuten.

Und es wurde, nicht zuletzt durch einen Passus im Artikel selbst, klar, dass blind nicht zwangsläufig gleich blind ist. Der im Artikel benannte Alf Michael Conrad und Heiko konnten mal sehen, ich hingegen bin geburtsblind, d. h., ich bin schon blind geboren. Heiko und Alf Michael haben eine aktive Erinnerung an Farben, ich hingegen habe Farben nie gesehen. Ich muss die Bedeutung verschiedener Farben lernen wie Vokabeln einer Fremdsprache. Ich habe mir also irgendwann mal erklären lassen, dass rot auf Sehende sowohl wärmend als auch warnend wirkt (das wärmende Gefühl beim Betrachten eines Sonnenuntergangs, aber das warnende Rot einer Ampel). Blau hingegen wird als kalt empfunden. Mit grün verbinde ich den Geruch frisch gemähten Grases. Und ich wurde gerade neulich gebeten, dass ich meinen hoffentlich demnächst durch eine Prüfung erlangten orange-grünen Judogürtel bitteschön nicht zu lange tragen soll, da diese Farbkombination sehr „stechend“ sei. 🙂

Wenn aber jemand Heiko gegenüber bestimmte Farben erwähnt, so kann er diese ganz anders einsortieren, er hat eine Erinnerung daran, wie die Farbe aussieht. Und er kennt auch Farbkombinationen. Ich hingegen muss mir merken, dass bestimmte Kombinationen von Kleidung eventuell etwas „schreien“ könnten.

Aber auch bei Geburtsblinden gibt es unterschiedliche Abstufungen. Meine Blindheit ist eine Retinitis Congenita Leber, die im allgemeinen dem Blinden ein Hell-Dunkel-Sehen lässt. So auch mir. Andere Geburtsblinde erlangten ihre Blindheit eventuell durch eine zu hohe Sauerstoffversorgung beim Aufenthalt im Brutkasten (Frühgeburt). In solchen Fällen ist das Hell-Dunkel-Sehen in der Regel nicht vorhanden.

Ich sehe also, ob es Tag oder Nacht ist. Ich sehe auch den Unterschied zwischen Kunstlicht und natürlichem Licht. Ich nehme auch unterschiedliche Intensitäten von Licht wahr, also z. B. ob der Himmel wolkenverhangen ist oder die Sonne ungehindert vom blauen Himmel strahlt. Auch die Wirkung eines Dimmers ist mir bekannt. Ich mache mir in der Regel sogar abends Licht an, wenn es draußen dunkel geworden ist.

Aber ich sehe keine Farben. Ich sehe also, dass da Licht ist, aber nicht, auf welcher Wellenlänge es „sendet“. Auch reicht die Hell-Dunkel-Wahrnehmung nicht zum Erkennen von Gegenständen oder ähnlichem, so dass sie mir bei der Orientierung und Bewältigung von Wegen überhaupt nicht hilft.

Und bevor jemand fragt: nein, ich kann Farben nicht erfühlen! 🙂

In der Diskussion ging es später auch noch um alltägliche Floskeln wie „siehste?“ oder „ich gucke mir einen Film an“. Ich selbst bin der Meinung, dass es der Integration nicht gerade zuträglich ist, die Sprache nur wegen der Blindheit zu verbiegen. Ich sage genauso, dass ich mir einen Film im Kino oder Fernsehen angucke. Im Gegenteil: Es klingt selbst für meine Ohren komisch und ungelenk, wenn ich sagen würde, ich höre mir einen Film an. Technisch gesehen stimmt das zwar, aber es klingt trotzdem nicht richtig! 🙂

es kommt oft vor, dass Sehende sich darüber wundern. Sie erwarten automatisch, dass wir, nur weil wir nicht sehen können, gleich eine andere Sprache sprechen. Es gibt mit Sicherheit Blinde, die dies aus meiner Meinung nach übereifrigem Aktionismus tun. Ich selbst gehöre nicht dazu und fühle mich in Gegenwart auch nicht erfahrener Sehender wesentlich „zugänglicher“ so. Ich sehe es sogar so, dass, wenn jemand nur wegen meiner Blindheit Floskeln wie „Siehste?“ vermeidet, mich diese Person ausgrenzt. Und so etwas spreche ich dann auch an!

Also, wir sind längst nicht so „gut“ in Abstufungen wie unsere sehbehinderten Mitmenschen, wo es ja hunderte unterschiedlicher Sehschwächen gibt, aber auch wir Blinden sind nicht alle gleich! 😉