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Behinderung Blindheit Gesellschaft Privates

Ich bin Team Behinderter und Team Blinder

Mir wurde heute morgen durch Jürgen Fleger dieser Artikel in die Twitter-Timeline gespült, und ich kann mich ihm zu 100% anschließen. Ich bin „Team Behinderter“ und auch „Team Blinder“.

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Behinderung Blindheit Privates

Anrecht auf Euroschlüssel für Behindertentoiletten

Bis vor ein paar Tagen wusste ich noch nicht, dass sowohl meine Herzdame als auch ich Anrecht auf einen Euroschlüssel für Behindertentoiletten haben. Erst ein Freund, selbst auch blind, der den plötzlich bei passender Gelegenheit aus der Hosentasche zog, und ein entsprechender Anschlag neben so einer Behindertentoilettentür, öffneten uns die Augen.

Wir haben unsere daraufhin bestellt. Meinen, ohne Verzeichnis, habe ich schon am nächsten Tag bekommen. Der für Petra kam gestern, mitsamt einem dicken Verzeichnis mit über 12.000 Toiletten, die wir damit nutzen können.

Weitere Infos hierzu und zu vielen anderen Themen rund um das, was der Erhalt eines Schwerbehindertenausweises in Deutschland an Rechten und Zugängen ermöglicht, findet ihr auf den Seiten von Seh-Netz e.V..

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Blindheit

Gedanken zu Blindismen

Christian Ohrens hat in seinem Blog einen Beitrag zu Blindismen veröffentlicht. Blindismen sind bestimmte Gesten und Körperbewegungen, die vor allem von seit Geburt oder im frühkindlichen Alter erblindeten Menschen erzeugt bzw. ausgeführt werden und auf Sehende oft befremdlich wirken können.

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Behinderung Blindheit Gesellschaft

„Zahlen Sie zusammen oder getrennt?“

OK, ich gebe es zu, ich bin hochgradig verwirrt. Es ist meiner Herzdame (sehend) und mir (blind) heute innerhalb kurzer Zeit zum zweiten Mal in einem Restaurant passiert, dass wir gefragt wurden, ob die Rechnung „zusammen oder getrennt“ beglichen werden sollte. Und auch bei anderen Restaurants ist dies uns in den letzten Monaten und Jahren immer wieder passiert.

Warum diese Frage? Stellen Kellner die heutzutage jedem Paar, das ohne Kinder unterwegs ist? Sehen wir nicht wie ein Pärchen aus? Warum wird uns in unschöner Regelmäßigkeit diese Frage gestellt? Werden wir für Betreuerin und zu Betreuender gehalten?

Nur um eines klarzustellen: Meine Herzdame und ich sind im gleichen Alter. Wir sind seit 3,5 Jahren zusammen und seit dem 30.12.2013 verheiratet. Wir tragen Eheringe, allerdings an der linken Hand, was für Deutschland eher unüblich ist.

Wie ergeht es euch? Gerade Paare, die ohne Kinder unterwegs sind und gemeinsam essen gehen. Werdet ihr auch häufiger mal gefragt, ob ihr die Rechnung „zusammen oder getrennt“ begleichen wollt? Ist das heute so üblich? Geht man nicht mehr davon aus, dass bei Paaren eventuell es sehr wahrscheinlich ist, dass eine(r) von beiden die Rechnung begleicht? Was muss man heutzutage tun, um als Paar erkannt zu werden? Turtelnderweise nebeneinander anstatt sich gegenüber sitzen? Mindestens einmal während des Restaurantaufenthalts knutschen?

Bin sehr auf eure Erfahrungen gespannt!

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Blindheit Gesellschaft Politik

Wie barrierefrei ist die Bundestagswahl 2013 für mich?

Es ist soweit, die Bundestagswahl 2013 steht vor der Tür, und da ich sicherstellen will, dass meine Stimme Gehör findet, gehöre ich nicht zur Partei der Nichtwähler, sondern gehe seit meinem 18. Lebensjahr, seit der Kommunalwahl in Niedersachsen 1991, zu jeder Wahl, zu der ich darf. 😉

Bzw. seit einigen Jahren bin ich konsequenter Briefwähler. Die Gründe dafür sind nicht etwa in der fehlenden Barrierefreiheit des Wahllokales begründet, denn als Fußgänger bin ich darauf nicht unbedingt angewiesen. Vielmehr möchte ich die Wahl in Ruhe und ohne Trubel um mich herum durchführen. Ich weiß zwar in der Regel, welchem Kandidaten und welcher Partei ich meine Stimme geben möchte, aber die Atmosphäre in einem Wahllokal empfand ich immer als störend. Denn obwohl die Wahlhelfer sicher drauf achten, dass mir nicht heimlich jemand zur Wahlkabine folgt und über die Schulter linst, empfinde ich das Gefühl, das potentiell so viele Menschen in meiner Nähe sind, als nicht so angenehm bei so etwas wichtigem wie einer Wahl.

Dazu kommt, dass es erst seit ein paar Jahren Schablonen für die Wahlzettel gibt, die es mir als Blindem ermöglichen, die Wahl auch allein und unabhängig durchführen zu können. Das hieß früher immer, dass ich eine Hilfsperson brauchte, die entweder ein Wahlhelfer war oder eine Person meines Vertrauens, mit der ich zusammen zur Wahl ging. OK, die Hilfsperson brauchte ich bei der Briefwahl auch, aber da die Atmosphäre zu Hause viel intimer ist, war das nie ein Problem.

Am gestrigen Freitag, den 06.09., kamen die Wahlschablonen vom Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg per Post bei mir an. Neben der Bundestagswahl 2013 findet in Hamburg am 22.09. auch ein Volksentscheid zur Initiative Unser Hamburg, unser Netz statt, in dem es um die Rückführung der Strom-, Gas- und Fernwärmenetze in die öffentliche Hand geht. In dem Umschlag befanden sich also zwei Schablonen:

Schablone für den Stimmzettel zur Bundestagswahl 2013

Leere Schablone für den Stimmzettel zum Volksentscheid

Weiterhin befanden sich in dem Umschlag zwei CDs mit Infos zu den Schablonen, Anleitungen zum Einlegen der Stimmzettel und die Aufzählung, welcher Direktkandidat in welchem Wahlkreis auf welcher Position der Wahl für die Direktstimme (links) steht. Man muss also wissen, in welchem Wahlkreis man wohnt, was ja eh immer eine gute Idee ist, wenn man politisch informiert sein will. 😉

Ich hatte bei diesen CDs jedoch das Problem, dass ich kein Hörer der Blindenhörbüchereien bin und mein Abspielgerät für sog. DAISY-CDs, also digitale Hörbücher in einem speziell strukturierten Format, eingemottet ganz tief im Schrank vergraben steht, der Akku entladen ist usw. Auf meine Anregung hin, dass diese Infos auch übers Internet zum Download zur Verfügung gestellt werden sollten, gab es die Rückmeldung, dass dies geprüft würde.

Die Schablone zum Volksentscheid ist recht einfach gehalten: Sie hat eine Beschriftung in Braille und fühlbarem Schwarzdruck, worum es sich handelt, und Beschriftungen für die Felder „ja“ und „nein“ für die Zustimmung oder Ablehnung der Vorlage der Initiative. Oben rechts befindet sich ein kleines Loch, wie es typischerweise von einem Locher erzeugt wird. Genau so eines befindet sich auch auf dem Stimmzettel zur Volksinitiative. Die Löcher sollen beim Einlegen des Stimmzettels in die Schablone genau übereinander liegen, dann sei sichergestellt, dass auch die Felder zum Ankreuzen in den ausgeschnittenen Bereich der Schablone fallen würden. Wie man auf folgendem Bild sieht, stimmt das hier auch.

Schablone mit eingelegtem Stimmzettel zum Volksentscheid

Die Schablone für den Stimmzettel zur Bundestagswahl ist wesentlich größer, länger als DIN-A4. Auch sie hat oben rechts ein Loch zur Orientierung, genau wie der zugehörige Stimmzettel. Es gibt zwei Reihen kreisrund ausgeschnittener Felder, die linke Spalte ist mit „Erststimme“, die rechte mit „Zweitstimme“ überschrieben. Die Felder für die Erststimme sind fortlaufend nummeriert, die Felder für die Zweitstimme haben rechts daneben Kürzel für die jeweilige Partei aufgedruckt. Um zu wissen, welche fortlaufende Nummer in der linken Spalte zu welchem Direktkandidaten gehört, wird auf der zugehörigen Anleitungs-CD vorgelesen.

Schablone mit eingelegtem Stimmzettel für die Bundestagswahl

In der Praxis zeigte sich jedoch nun, dass die Orientierung mit den Löchern oben rechts hier nicht so recht klappen wollte. Hätte ich den Stimmzettel genau passend zu dem Loch eingelegt, wären die Felder und Ausschnitte nicht genau übereinander zum Liegen gekommen. Weiterhin wäre im unteren Bereich das Abdriften noch größer gewesen. Meine Verlobte stellte dies fest, als ich den Stimmzettel fertig eingelegt hatte. Stellte ich hingegen sicher, dass der Stimmzettel viel mehr genau bis in die letzte Ecke der Falz und des oberen Randes geschoben war, stimmten die Felder, aber dann das Loch nicht mehr. Das folgende Foto der Rückseite der Schablone mit eingelegtem Stimmzettel zeigt den Versatz:

Ansicht der Rückseite mit nicht genau übereinstimmenden Orientierungslöchern

Hätte ich mich allein auf die Anleitung und die Löcher zur Orientierung verlassen, hätte dies dazu führen können, dass mein Wählerwille nicht mehr eindeutig erkennbar gewesen wäre, indem Kreuze nämlich zu weit neben, oder ober- bzw. unterhalb eines Feldes hätten landen können. Bei so etwas wichtigem wie der Wahl ist es daher unbedingt notwendig, dass diese Dinge auch sauber funktionieren!

Ein sehr ähnliches Problem hatte ich schon mit der Schablone zur Wahl zur Hamburgischen Bürgerschaft 2011. Abgesehen davon, dass die Wahlzettel an sich absolut grauenhaft waren, weil so viele Felder auf so engem Raum standen, war es mir damals nicht möglich, den Wahlzettel so in die Schablone einzuführen, dass sie wirklich exakt gepasst hätte und ich eine eindeutig erkennbare geheime Wahl hätte durchführen können.

Nachdem die Wahl an sich nun durchgeführt war (aus Gründen der Privatsphäre verzichte ich auf Bilder hiervon), ging es darum, den Umschlag-Reigen zu spielen. Jeder Stimmzettel kommt in einen eigenen Umschlag, diese kommen dann zusammen mit zwei Bögen (einem pro Wahl), auf denen man erklärt, dass man entweder die Wahl selbst oder als Hilfsperson für den eigentlichen Wahlberechtigten durchgeführt hat, in einen großen Umschlag. Der große Umschlag ist eindeutig erkennbar, die bögen und die Felder für die zu leistenden Unterschriften und die kleinen Umschläge sind hingegen nicht eindeutig zuordnbar.

Ohne sehende Hilfe ist eine Wahl also auch heute noch nicht vollständig selbstständig als Blinder durchführbar. OK, wenn ich mit der Schablone in ein Wahllokal marschiert wäre und dort meine Stimmen abgegeben hätte, würde der Umschlag-Reigen natürlich wegfallen. Aber aus den oben genannten Gründen nehme ich lieber in Kauf, hierbei Hilfe zu bekommen und die Wahl so ganz entspannt durchführen zu können.

Ich habe schon gewählt. Und ich möchte an alle meine Leser appellieren, dies auch spätestens am 22.09. in ihrem örtlichen Wahllokal zu tun!

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Behinderung Blindheit Politik Sexualität

Diskriminierung aus den eigenen Reihen ist die schlimmste

Auf Twitter entspann sich heute eine der ekelhaftesten Diskussionen, die ich in diesem Medium jemals erlebt habe. Ennomane war zu Gast bei ZIBB und berichtete über den Erhalt eines Cochlea-Implantats. Er verlor im jugendlichen Alter sein Hörvermögen und hat durch das CI einen Teil davon jetzt, ca. 20 Jahre später, zurückerlangt.

Als Reaktion darauf warf EinAugenschmaus ihm vor, er hätte sich in diesem Beitrag als gehörlos bezeichnet, obwohl er das laut (ihrer) Definition gar nicht sei, weil er nicht von Geburt an gehörlos sei. „Spätertaubt“ oder „schwerhörig“ wären angemessen gewesen, „gehörlos“ jedoch auf gar keinen Fall.

Das war nicht das erste Mal, dass ich solche oder ähnlich geartete Aussagen von EinAugenschmaus lesen musste. Diese scheinbare Einteilung in Gehörlose erster und zweiter Klasse erschreckt mich zutiefst.

Würde ich diese Aussage auf das Thema Blindheit übertragen, hieße das, dass ich, der ich geburtsblind bin, ein „besserer“ Blinder wäre als mein bester Freund, der im Alter von 18 Jahren sein Augenlicht verlor. Dabei bin ich es, der eine Hell-Dunkel-Wahrnehmung hat, der Freund hingegen gar kein Lichtempfinden mehr hat, da er zwei Glasaugen trägt. Darf er sich, oder darf ich mich dann nicht als „blind“ bezeichnen? Der Effekt ist der gleiche: Wir können beide keine Farben sehen, keine Gegenstände, kein Auto fahren, keine Straßen- oder Hausnummernschilder lesen usw.

Der Freund musste die Brailleschrift nach seiner Erblindung erlernen, ich erlernte sie in der Grundschule. Diese Schrift ist eine eigene Schriftsprache, die aber auch von Sehenden erlernt werden kann. Genauso kann Gebärdensprache von im Laufe des Lebens ertaubten Menschen und Hörenden gleichermaßen erlernt werden. Selbst ich beherrsche einige wenige rudimentäre Gebärden, z. B. meinen Namen. Ist der eine dann gehörloser als der andere, nur weil der andere zufällig einen Teil seines Lebens hören konnte?

Genauso könnte man fragen, ob nur Männer, die sich regelmäßig in einen Fummel schmeißen, Anzugträger oder Lederkerle als einzige das „Recht“ haben, sich als schwul zu bezeichnen. Ist nur derjenige „richtig“ schwul, der auf BDSM-Praktiken steht? Ist nur die Frau „richtig“ lesbisch, die in ihrem Leben noch nie eine Erfahrung mit einem Mann gemacht hat oder – Gott bewahre – gar Mutter eines oder mehrerer Kinder ist?

Ist nur derjenige ein echter Rollstuhlfahrer, der einen Querschnitt hat, derjenige, der aufgrund einer Spastik im Rollstuhl sitzt, sich aber notfalls ein paar Meter auf den Beinen oder dem Hintern ohne Rollstuhl fortbewegen kann, aber nicht?

Mir würden sicherlich noch zig Beispiele mehr einfallen. Ich stoppe aber hier. ich denke, die Absurdität dieser anscheinenden Einteilung dürfte jedem klar geworden sein.

Solange eine „Community“, eine „Randgruppe“ Mitglieder hat, die eine solche diskriminierende Einteilung vornehmen, braucht sie keine Diskriminierung von außen, denn die schlimmste aller Diskriminierungen kommt von innen. Der weitläufige Spruch „Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr“ passt hier ziemlich gut.

Und es erschreckt mich. Es erschreckt mich zu sehen, wie durchaus nicht wenig prominente Mitglieder einer „Community“ ihrer eigenen Sache so schaden können. Denn wer soll die Anliegen einer solchen „Community“ ernst nehmen, wenn innerhalb derselben Mitgliedern so ins Knie geschossen wird?

Das Cochlea-Implantat ist in der Gruppe der Gehörlosen nicht unumstritten. Die einen meinen, wenn es eine Chance gibt, in der Umwelt, die nun mal von Hörenden dominiert wird, besser zurecht zu kommen, sollte man sie nutzen. Die anderen besingen die apokalyptische Vision des Untergangs der eigenen, besonderen Kultur. Es gibt sogar gehörlose Eltern, die ihrem ebenfalls gehörlosen Kind ein CI verweigern mit der Begründung, das würde das Kind mit der Kultur der Hörenden „vergiften“.

Das wäre ungefähr so, als würde ich mir, der ich mit einem Blindenführhund unterwegs bin, anmaßen zu sagen, wer stattdessen einen weißen Stock als Mobilitätshilfe verwendet, wäre ein „schlechterer Blinder“. Ich fluche zwar ab und an wie ein Rohrspatz, wenn ich mal mit Stock unterwegs sein muss, weil sich dies für mich tatsächlich wie eine eingeschränkte Mobilität anfühlt. Das ist aber mein rein persönliches Empfinden und bedeutet nicht, dass ich die Orientierung per Stock per se als zweitklassig einstufen würde.

Diese ganze Geschichte hinterlässt bei mir einen sehr bitteren Nachgeschmack. ich sitze fassungslos vorm Rechner und denke mir, ich bin im falschen Film!

Ich wünsche mir, dass die Communities geschlossen für ihre Sache einstehen, anstatt sich intern gegenseitig wegen eventuell unterschiedlicher Lebensentwürfe im einen oder anderen Punkt zu behakeln. Denn die großen Ziele, seien es Untertitel oder Gebärdensprach-Erweiterungen für Gehörlose, Audiodeskription oder „kein Shared Space in Städten“ für Blinde, oder die vollständige Gleichstellung mit der Ehe von Schwulen und Lesben, kommen allen Mitgliedern der Gemeinschaft zugute, egal ob sie von Geburt an gehörlos sind oder es im lauf ihres Lebens wurden, mit Blindenführhund oder Stock unterwegs sind, schon als Teenager ihr Coming Out hatten oder erst mit 40 oder 50, nachdem schon eine heterosexuelle Ehe geführt wurde, aus der Kinder stammen.

Die Akzeptanz, Integration und Inklusion fängt in den eigenen „vier Wänden“ an und nicht beim Politiker an der nächsten Ecke!

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Blindheit

Besuch in der AGO(Art Gallery of Ontario)

Während meines Aufenthalts in Toronto vom 13. bis 19. November besuchte ich unter anderem auch die Art Gallery of Ontario, welche unter anderem multisensorische Führungen für Menschen mit Behinderungen anbietet.

Zu so einer Tour brachen Jennison Asuncion und ich am Donnerstag, den 18.11., auf. Unsere Tour Guides Jessica und Doris nahmen uns im Foyer in Empfang und führten uns über die geschwungene Rampe in den 1. Stock. Allein diese Rampe war schon ein Erlebnis: Das Geländer war aus sehr reichem Holz gebaut, das sich schon sehr edel anfühlte. Die Rampe wechselt mehrmals die Richtung.

Die Führung begann mit einem Besuch der Sammlung von Ken Thomson. Wir bekamen Glasviolen in die Hand, die aus mehreren Schichten bestehen, wovon die innere Schicht bemalt ist. Die Gefäße enthalten Geruchsproben und wurden unter den reichen Orientalen zu ihren Hochzeiten wohl auch gern als Schnupffläschchen verwendet. 😉

Als nächstes besuchten wir die Canadian collection, eine Sammlung von Werken kanadischer Künstler. Wir beschäftigten uns hier mit einem Bild des Malers Lawren Harris, einem Gründungsmitglied der Group Of Seven. Das Bild entstand 1928 und zeigt eine Landschaft mit Bergen im prominenten Hintergrund, Wolken, die sich fast wie Klauen auf die Bergkuppen stürzen, und einem wellenbewegten Wasser, das direkt auf den Betrachter, der am Ufer steht, zuzuschwappen scheint. Als kleines Experiment hat die AGO zwei Relief-Reproduktionen des Bildes angefertigt, die die verschiedenen Elemente des Bildes mit verschiedenen Texturen darstellten. Wir wurden nach unserer Meinung gefragt und waren beide der Ansicht, dass ein Hybrid der beiden Reliefs das Optimum für eine taktile Reproduktion dieses Bildes darstellen würde.

Danach fühlten wir uns zwei Skulpturen von nach Kanada eingewanderten europäischen Bildhauerinnen an: Eine Skulptur einer trauernden Frau, die etwas abstrakter gehalten war, mit Namen „Grief„, also „Trauer“, und eine Skulptur eines Reiters, der im Einsatz ums Leben gekommen ist. Der Reiter gehört zu einem Typ sehr angesehener Kavallerie-Einheiten der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts in Nordamerika. Der Reiter, der über die Mähne des Pferdes gebeugt ist, der Schutzschild auf seiner linken Seite, die Konturen des Pferdes, alles sehr klar und wenig abstrakt herausgearbeitet.

Den Abschluss bildete ein Besuch der Galleria Italia mit Werken des Künstlers Giuseppe Penone. Der Baum, der in dieser Galerie ausgestellt ist, wurde so bearbeitet, dass die innersten Bestandteile des Baumes, seine früheste Vergangenheit, fühlbar werden und in der Gegenwart weiterleben können. An verschiedenen Stellen dieser Skulptur fühlt man die unterschiedlichen Lebensstadien dieses Baumes sehr gut.

In dieser Galleria Italia herrscht eine unglaubliche Akustik. Ich konnte mir nicht helfen und musste sie ein bisschen Testen. Einen kleinen Eindruck hiervon vermittelt vielleicht mein AudioBoo. Außerdem machten Tour Guide Jessica bzw. ein Security noch ein paar Fotos:

Die Handschuhe, die wir auf den Bildern tragen, sind zum Schutz der Kunstwerke vor direktem Hautkontakt. Die Handschuhe sind „gefühlsecht““ und nehmen so gut wie nichts von der Wahrnehmung.

Alles in allem war dieser Besuch ein sehr lohnender. Er war sehr vielfältig und gut strukturiert, es gab viel anzufassen und zu lernen. Es ist wünschenswert, wenn solche Touren auch von Museen in Europa viel öfter angeboten werden könnten!

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Allgemein Blindheit Umwelt

Gedanken zu unnötigem Papierwust im Jahre 2010

Wir schreiben den 28.06.2010. E-Mail ist seit über 10 Jahren fester Bestandteil des Arbeitsleben und auch im privaten Bereich seit Jahren nicht mehr wegzudenken. Twitter, Facebook und andere Social Networks haben die Austauschmöglichkeiten der Menschen weltweit revolutioniert. Man kann heute Bahntickets per Handy lösen und abscannen lassen. Flugtickets werden schon seit geraumer Zeit vorwiegend online verkauft.

Und dann gibt es da so Organisationen wie Verwaltungsorgane, Vereine, Parteien o. ä., die auch im jahr 2010 einen Papierwust produzieren, der jedem umweltbewussten Bürger jedesmal die Tränen in die Augen treibt, wenn sie/er einen Umschlag öffnet, nur um eine Mitteilung vorzufinden, deren Inhalt auch problemlos per E-Mail hätte mitgeteilt werden können. Der Umschlag wandert ins Altpapier, die Mitteilung in der Regel auch, und beides muss recycelt werden.

Genauso ging es mir heute beim Bearbeiten der Einladung zur Jahresdelegiertenversammlung meines lokalen Sportvereins, der Turn- und Sportgemeinschaft Bergedorf. Ich bin als Delegierter der Judosparte mit eingeladen. Der Umschlag enthielt 8, in Worten acht, Din-A4-Blätter mit Infos zur Versammlung. Es musste nichts ausgefüllt werden, es war reiner Informationsgehalt. Und da der Brief acht Bögen Papier enthielt, kann man davon ausgehen, dass er mehr Porto als ein Standardbrief gekostet hat. Wieviele Delegierte da heute Abend aufschlagen werden, weiß ich nicht, ich gehe aber mal von mindestens 50 aus. Die TSG ist eine große Gemeinschaft.

Diese Schreiben wurden natürlich am Computer, also digital erstellt und dann ausgedruckt. Die Bögen enthielten jedoch nichts, was nicht auch per E-Mail hätte übertragen werden können.

Und wenn ich mir jetzt vorstelle, dass ja jedes Gesetzesvorhaben in Bund und Ländern auf Papier gewälzt wird, weil ja z. B. iPads im Bundestag verboten sind und jeder Verein, jeder Ortsverein einer Partei, jede behördliche Mitteilung so an millionen „Betroffene“ verschickt wird, und wenn ich das dann aus Deutschland auf den Rest der Welt projiziere, wird mir schlecht.

Seit Jahrzehnten wird über das papierlose Büro gesprochen. Die Realität ist, dieses gibt es auch im jahr 2010 noch nicht. Stattdessen wird die Umwelt weiter mit Papiermüll belastet.

Von den Vorteilen, die digitale Übermittlung aller relevanten Informationen für Menschen mit verschiedenen Behinderungen mit sich brächten, habe ich ja noch gar nicht mal angefangen zu schreiben. Ich musste diese acht Seiten der Einladung ja erstmal scannen und erkennen lassen. Das hat bestimmt hochgerechnet eine Viertelstunde gebraucht. Und ich muss mit den Ungenauigkeiten und teilweise verrissenen Tabellen leben, die die Zeichenerkennung bei der Layoutanalyse zwangsläufig mit sich bringt. Wil lich ganz sicher gehen, muss ich so einen Erkennvorgang zwei bis dreimal durchführen lassen oder sogar eine sehende Person fragen. Und am Ende werden diese acht seiten im Altpapier landen, denn nach der Delegiertenversammlung sind die Inhalte nicht mehr relevant für den einzelnen Delegierten. Für mich jedenfalls nicht.

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Behinderung Blindheit

Blind ist nicht gleich blind

Gestern entspann sich auf Twitter eine Diskussion, nachdem Heiko Kunert diesen Artikel getwittert hatte. Die zentrale Frage war, was Farben für Blinde bedeuten.

Und es wurde, nicht zuletzt durch einen Passus im Artikel selbst, klar, dass blind nicht zwangsläufig gleich blind ist. Der im Artikel benannte Alf Michael Conrad und Heiko konnten mal sehen, ich hingegen bin geburtsblind, d. h., ich bin schon blind geboren. Heiko und Alf Michael haben eine aktive Erinnerung an Farben, ich hingegen habe Farben nie gesehen. Ich muss die Bedeutung verschiedener Farben lernen wie Vokabeln einer Fremdsprache. Ich habe mir also irgendwann mal erklären lassen, dass rot auf Sehende sowohl wärmend als auch warnend wirkt (das wärmende Gefühl beim Betrachten eines Sonnenuntergangs, aber das warnende Rot einer Ampel). Blau hingegen wird als kalt empfunden. Mit grün verbinde ich den Geruch frisch gemähten Grases. Und ich wurde gerade neulich gebeten, dass ich meinen hoffentlich demnächst durch eine Prüfung erlangten orange-grünen Judogürtel bitteschön nicht zu lange tragen soll, da diese Farbkombination sehr „stechend“ sei. 🙂

Wenn aber jemand Heiko gegenüber bestimmte Farben erwähnt, so kann er diese ganz anders einsortieren, er hat eine Erinnerung daran, wie die Farbe aussieht. Und er kennt auch Farbkombinationen. Ich hingegen muss mir merken, dass bestimmte Kombinationen von Kleidung eventuell etwas „schreien“ könnten.

Aber auch bei Geburtsblinden gibt es unterschiedliche Abstufungen. Meine Blindheit ist eine Retinitis Congenita Leber, die im allgemeinen dem Blinden ein Hell-Dunkel-Sehen lässt. So auch mir. Andere Geburtsblinde erlangten ihre Blindheit eventuell durch eine zu hohe Sauerstoffversorgung beim Aufenthalt im Brutkasten (Frühgeburt). In solchen Fällen ist das Hell-Dunkel-Sehen in der Regel nicht vorhanden.

Ich sehe also, ob es Tag oder Nacht ist. Ich sehe auch den Unterschied zwischen Kunstlicht und natürlichem Licht. Ich nehme auch unterschiedliche Intensitäten von Licht wahr, also z. B. ob der Himmel wolkenverhangen ist oder die Sonne ungehindert vom blauen Himmel strahlt. Auch die Wirkung eines Dimmers ist mir bekannt. Ich mache mir in der Regel sogar abends Licht an, wenn es draußen dunkel geworden ist.

Aber ich sehe keine Farben. Ich sehe also, dass da Licht ist, aber nicht, auf welcher Wellenlänge es „sendet“. Auch reicht die Hell-Dunkel-Wahrnehmung nicht zum Erkennen von Gegenständen oder ähnlichem, so dass sie mir bei der Orientierung und Bewältigung von Wegen überhaupt nicht hilft.

Und bevor jemand fragt: nein, ich kann Farben nicht erfühlen! 🙂

In der Diskussion ging es später auch noch um alltägliche Floskeln wie „siehste?“ oder „ich gucke mir einen Film an“. Ich selbst bin der Meinung, dass es der Integration nicht gerade zuträglich ist, die Sprache nur wegen der Blindheit zu verbiegen. Ich sage genauso, dass ich mir einen Film im Kino oder Fernsehen angucke. Im Gegenteil: Es klingt selbst für meine Ohren komisch und ungelenk, wenn ich sagen würde, ich höre mir einen Film an. Technisch gesehen stimmt das zwar, aber es klingt trotzdem nicht richtig! 🙂

es kommt oft vor, dass Sehende sich darüber wundern. Sie erwarten automatisch, dass wir, nur weil wir nicht sehen können, gleich eine andere Sprache sprechen. Es gibt mit Sicherheit Blinde, die dies aus meiner Meinung nach übereifrigem Aktionismus tun. Ich selbst gehöre nicht dazu und fühle mich in Gegenwart auch nicht erfahrener Sehender wesentlich „zugänglicher“ so. Ich sehe es sogar so, dass, wenn jemand nur wegen meiner Blindheit Floskeln wie „Siehste?“ vermeidet, mich diese Person ausgrenzt. Und so etwas spreche ich dann auch an!

Also, wir sind längst nicht so „gut“ in Abstufungen wie unsere sehbehinderten Mitmenschen, wo es ja hunderte unterschiedlicher Sehschwächen gibt, aber auch wir Blinden sind nicht alle gleich! 😉