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OS X Mountain Lion ist da: Was ist neu bei der Barrierefreiheit

Apple hat heute Mac OS X Mountain Lion veröffentlicht. Dieses Update auf Lion, das fast genau ein Jahr nach diesem erscheint, bringt einige Neuerungen mit, die auch für Menschen mit Behinderungen sehr nützlich sein werden. Ich werfe hier mal einen virtuellen Blick auf das, was mir so aufgefallen ist.

Zunächst fällt auf, dass es z. B. im VoiceOver-Dienstprogramm kaum Neuerungen zu entdecken gibt. Die Änderungen befinden sich zumeist unter der Haube und starren einen nicht sofort frontal an. Es werden weitere Braillezeilen unterstützt. Die Änderungen liegen diesmal wirklich im Detail.

Nach dem Update nochmals updaten

Sobald man das Update auf Mountain Lion durchgeführt hat, wird man feststellen, dass die Nuance Vocalizer-Stimmen nicht mehr ganz sauber klingen. Es empfiehlt sich, sofort noch einmal die Software-Aktualisierung durchlaufen zu lassen, die lädt dann nämlich aktualisierte Versionen der installierten Stimmen herunter. Danach klingt’s wieder sauber.

Keine Chipmunks mehr

Apple hat das Problem behoben, dass die Stimmen zwischendurch selbstständig die Tonhöhe veränderten. Während das beim ersten Auftreten noch ganz lustig klang, hat’s irgendwann doch genervt.

Safari ist nicht mehr beschäftigt

Die zweite große Änderung, die erheblich zu einer besseren Benutzbarkeit beiträgt, ist die Tatsache, dass endlich das Problem behoben wurde, dass Safari im Zusammenspiel mit VoiceOver gern mal „beschäftigt“ war. Ich habe es nicht mehr hinbekommen, diese Meldung zu provozieren, während mir dies unter OS X Lion sehr leicht fiel.

Text markieren im Browser

Apropos Safari: Man kann jetzt sehr leicht Text im Safari zum Kopieren in die Zwischenablage markieren. Man nutzt einfach Shift und die Pfeiltasten, und dann wird der Text des Bereichs, auf dem sich der VoiceOver-Cursor gerade befindet, zeichen-, wort- oder zeilenweise markiert. Das funktioniert ganz analog zum TextEdit. Man muss also nicht mehr umständlich mit VO+Eingabe das Markieren einleiten, Text mit den VO-Befehlen markieren und mit nochmaligem VO+Eingabe das Markieren beenden.

Bessere Umsetzung aktueller HTML5- und ARIA-Techniken

Auch in dieser Version von OS X und Safari hat Apple wieder viele Verbesserungen bei der Umsetzung von HTML5 und WAI-ARIA für VoiceOver einfließen lassen. So ist das Webinterface von Yahoo! Mail viel besser zu bedienen und verhält sich sehr ähnlich der Kombination Firefox + NVDA unter Windows. Wer also viel mit modernen Webapplikationen zu tun hat, wird die Neuerungen schnell zu schätzen wissen!

Drag And Drop mit verschiedenen gehaltenen Tasten

Hält man Ctrl+Wahltaste+Komma gedrückt, lässt es also nicht sofort nach dem Drücken wieder los, erscheint ein Menü, in dem man auswählen kann, ob die gleich durchzuführende Zieh- und Ablege-Operation mit einer der drei Tasten Control, Wahltaste oder Befehlstaste ausgeführt werden soll. Je nach Programm werden hierdurch verschiedene Dinge ausgeführt. Drag And Drop im Finder führt bei gehaltener Wahltaste z. B. dazu, dass ein Element kopiert, nicht verschoben, wird.

Anordnen von Tabellenspalten

Man kann mit VoiceOver jetzt in iTunes und anderen Programmen die Spalten neu sortieren. Ist der Fokus auf der Tabelle, drückt man Ctrl+Wahltaste+Apostroph, bzw. Ctrl+Wahltaste+Umschalt+Nummernzeichen (rechts neben dem ä). Man befindet sich jetzt in den Spalten der Tabelle und kann mit VO+Pfeil rechts und links die Spalte wählen, die man neu sortieren möchte. VO+Komma zum Markieren, hinwandern zu der Spalte, rechts von der die Ursprungsspalte landen soll, und dann VO+Punkt drücken. Danach mit VO+Apostroph wieder zurück in die Tabelle, in der die umsortierten Spalten jetzt vorzufinden sind.

Drücken und halten von Tasten

In iTunes und anderen Programmen, die dies unterstützen, kann man bestimmte Tasten wie „Vorlauf“ jetzt drücken und halten. Man drückt dazu wie gewohnt VO+Leertaste, lässt sie jedoch nicht los, sondern hält sie solange gedrückt, wie die Aktion, z. B. das Vorspulen, ausgeführt werden soll. Wenn man die Tasten loslässt, wird auch die Taste losgelassen.

Endlich eine zugängliche Mitteilungszentrale!

Growl, das bisher für Benachrichtigungen verwendet wurde, ist ja nun nicht gerade für seine Zugänglichkeit bekannt. Die neue Mitteilungszentrale hingegen ist wunderbar zugänglich. Nettes Zusatzfeature: Growl hat angekündigt, in Mountain Lion zukünftig seine Benachrichtigungen in diese Mitteilungszentrale zu integrieren, wird dadurch also auch zugänglich. Dies ist besonders für solche Anwendungen wichtig, die die Mitteilungszentrale selbst noch nicht benutzen.

Kleiner Tipp: Schaltet die Benachrichtigung von Mails aus, wenn ihr viel Maildurchlauf habt. Das wird sonst schnell sehr geschwätzig. Angenehm: Anwendungen wie der Kalender, die bisher feststehende Dialogfelder benutzten, schieben ihre Benachrichtigungen jetzt auch hier hinein und sind somit viel weniger störend.

Besserer Zugang zu Symbolen oben rechts in der Menüleiste

Mit VO+M zweimal kam man ja schon immer in die Symbole oben rechts in der Menüleiste. Diese heißen sofort Extras-Menü. Apple hat diesen Bereich verbessert, so dass jetzt auch Symbole zugänglich werden wie die von Dropbox, VMware Fusion usw., die bisher nicht zugänglich waren. Auch die Mitteilungszentrale findet man hier. Für den schnelleren Zugriff auf diese habe ich mir jedoch einen Shortcut definiert. Bei mir erreiche ich diese jetzt schnell mit Ctrl+Shift+F8, der war noch frei. 🙂

Spotlight-Suche nicht mehr mit dreimaligem VO+M erreichbar

Da es für Spotlight schon seit Ewigkeiten die Standard-Tastenkombination Befehlstaste+Leertaste gibt, hat Apple den Workaround mit dreimaligem Drücken von VO+M entfernt. Die Sptlight-Suche befindet sich zusätzlich auch im Extras-Menü.

Neue Features sind natürlich zugänglich

Die neuen Features wie Erinnerungen und Notizen sind natürlich von vornherein zugänglich. Das Einrichten und Verwalten von Erinnerungen klappt ganz prima, auch der Abgleich über iCloud ist problemlos.

Diktierfunktion

Neu in Mountain Lion ist die Diktierfunktion. Diese ist natürlich auch voll zugänglich. Der zu vergebende Shortcut stört sich nicht mit VoiceOver. Als Mikrofon wird standardmäßig verwendet, was gerade aktuell ist, also z. B. das Mikro des apple iPhone Headsets, das eingebaute Mikrofon des Macs usw.

Kleiner Tipp für solche wie mich, die mehrere Sprachen fließend sprechen: Während man auf dem iPhone 4S einfach die Tastatur z. B. auf englisch umstellt und Siri dann englisch gesprochene Texte erkennt, funktioniert das in Mountain Lion nicht. Man muss stattdessen die Erkennungssprache in den Systemeinstellungen unter „Diktat und Sprache“ ändern.

Neu gestaltete Bedienungshilfen

Apropos Systemeinstellungen: Apple hat die Bedienungshilfen und die Einstellungen für Diktat und Sprache geändert bzw. neu gestaltet. Dies ist einmal zur besseren Übersichtlichkeit geschehen und wohl auch zur Anlehnung an iOS. Die Kategorien wählt man jetzt in einer Tabelle, und dann erscheint das Dialogfeld dazu, mit einer oder mehreren Dialogseiten.

Speakable Items

Neu sind die „Speakable Items“, mit denen man Teile des Betriebssystems mit gesprochenen Befehlen steuern kann. Man legt dazu eine Tastenkombination fest oder schaltet diese Funktion so, dass fortlaufend eine Spracherkennung mitläuft. Es sind im Deutschen noch weniger Befehle verfügbar als im Englischen, aber da wird sicherlich in den nächsten kleineren updates noch mehr möglich.

Optionen für Bedienungshilfen

Neu ist die Möglichkeit, verschiedene Bedienungshilfen von überall her ohne das Merken von Tastenkombinationen ein- und ausschalten zu können. Die Tastenkombination hierfür ist Befehlstaste+Wahltaste+F5. Läuft VoiceOver nicht, wird es in diesem Dialogfeld auf jeden Fall gestartet, so dass man auch als Blinder hier VoiceOver starten kann. Die altbekannte Tastenkombination Befehlstaste+F5 funktioniert natürlich weiterhin. Aus diesem Dialogfeld heraus lässt sich auch die Systemeinstellung „Bedienungshilfen“ öffnen. Weiterhin kann man die Bedienungshilfen jetzt auch ins Extras-Menü packen.

Fazit

Anders als in Snow Leopard und Lion sind die Verbesserungen von VoiceOver in diesem Update eher unter der Haube zu finden. Es fand viel Bug fixing statt, und die Neuerungen, die es gibt, beschränken sich auf einige wenige, aber dafür sehr nützliche, Funktionen wie die Möglichkeit, Spalten neu zu sortieren oder Ziehen und Ablegen mit bestimmten Tasten zusammen durchzuführen. Und es wurde Wert darauf gelegt, dass neue Funktionen zugänglich sind. Inwieweit sich auch beim Zoom für Sehbehinderte etwas getan hat, vermag ich mangels Sehvermögen nicht zu sagen.

Meiner Meinung nach ist Mountain Lion durchaus ein lohnendes Upgrade, das die Benutzbarkeit von Macs noch wieder etwas runder gestaltet. Inkompatibilitäten mit bestehenden Anwendungen ist mir nur eine untergekommen, und die hat mit einem ganz speziellen Texteditor in meinem Blog-Editor MarsEdit zu tun. Der Entwickler weiß darüber auch schon bescheid und hat mit Apple zusammen das Problem analysiert, und ich warte sehnsüchtig auf ein Update. Aber ansonsten läuft bei mir alles wie geschmiert.

Hinweis: Ich bin Mitglied des Apple Developer Program für den Mac und habe Mountain Lion hier schon seit zwei Wochen, seit der Gold Master an Entwickler verteilt wurde, im Einsatz. Daher kann ich schon zum offiziellen Erscheinungstermin so ausführlich drüber berichten.

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Apple

Ausprobiert und für gut befunden. Das ZAGGfolio iPad Keyboard Case

Schon mehrere Monate lang suchte ich nach einer Möglichkeit, mein iPad 2 und eine Bluetooth-Tastatur so miteinander zu kombinieren, dass ich diese Kombination überall einsetzen kann. Dabei sollte es egal sein, ob ich das iPad auf dem Schoß habe oder auf einem Tisch vor mir. Die Konstruktion sollte also stabil sein und doch so portabel, dass man sie überall einsetzen kann.

Mein erster Versuch war die Tastaturhülle „Origami Workstation“ für das Apple Wireless Keyboard von Incase. Dieses kann man aufklappen und so hinten mit Klettverschlüssen fixieren, dass man das iPad hineinstellen kann. Diese Kombination ist jedoch sehr wackelig. Auf dem Tisch funktioniert sie gut, auf dem Schoß gar nicht. Mir ist das iPad einmal fast runtergefallen. Auch störten die Halterungen für das Keyboard, die teilweise den Bildschirm berührten und hier ungewollt kapazitiv tätig wurden, also Tipps auf dem unteren Bildschirmrand auslösten.

Der zweite Versuch war das Logitech iPad Keyboard Case. Die Tastatur befindet sich in einem Alu-Deckel, die Rückseite des iPads liegt frei, und die Kombination ist eigentlich auch schön zu tragen. Allerdings steht das iPad frei in einer dafür vorgesehenen Schiene und hat im Rücken nichts mehr, das es stützt. Die Folge: Bei leichten Erschütterungen, die beim Tippen unweigerlich entstehen, rutscht es ganz langsam immer weiter aus der Schiene, bis es nach hinten rüber fällt.

Ein blinder Bekannter aus den USA gab mir dann den Tipp, mir mal das ZAGGfolio iPad Keyboard Case anzuschauen. Nach kurzer Recherche fand ich heraus, dass dieses u. a. von Expansys nach Deutschland importiert wird. Ich versicherte mich, dass es eine kulante Geld-Zurück-Garantie gab und bestellte das oben verlinkte Modell für das iPad 2. Dieses musste importiert werden und wurde mit 10 Tagen Lieferzeit angekündigt. Nach fünf war es hier.

Schon der erste Eindruck war sehr positiv: Die Verpackung war stylisch und solide. Das Auspacken gestaltete sich überhaupt nicht schwierig. Das iPad einsetzen war sehr intuitiv möglich: Man schiebt es in eine dafür vorgesehene Kunststoffschiene, die es oben ganz und links und rechts bis zur Hälfte des Gehäuses umschließt.

Das zugeklappte iPad-Case mit enthaltenem iPad

Und schon stand es vor mir. Im zugeklappten Zustand rastet eine Verriegelung ein, die sich sehr solide anfühlt. Gleichzeitig wird das iPad gesperrt, ähnlich wie beim Smart Cover, wenn dies zugeklappt wird.

Seitenansicht des aufgeklappten iPad Case mit iPad und Tastatur.

Klappt man das iPad auf, wird es im Querformat etwa bis zur Hälfte von dem oben erwähnten stabilen Kunststoffrahmen gehalten. Der Rücken aus Kunstleder ist unten flexibel, so dass man es bequem kippen kann, um es in die vorgesehene Halterungsschiene zu stellen. Das iPad wird vom Rücken her zu etwa zwei Dritteln abgestützt. Die übrige Stütze kommt vom faltbaren Rest des Cases. Die Sache steht sehr stabil.

Die Tastatur schreibt sich überaus angenehm. Sie ist normal groß, ungefähr so wie die des Apple Wireless Keyboard. Der Druckpunkt ist angenehm, die Tasten fühlen sich nicht wabbelig an.

Für manche Sehende dürfte es jedoch einen Wehrmutstropfen geben: Das Tastaturlayout der Kappen ist ausschließlich in englisch zu bekommen. Welche Taste was tut, hängt letztlich aber vom in iOS eingestellten Tastaturlayout ab. Das, was man auf den Kappen sieht, ist also nicht zwangsläufig auch das, was am Bildschirm erscheint, wenn man es drückt. Für Blindschreiber oder blinde Anwender völlig egal, für Leute, die die visuelle Stütze brauchen, eher schwierig. 🙂

Nach längerer Benutzung kann ich sagen, dass ich im ZAGGfolio Keyboard Case für das iPad 2 endlich meine Traumkombination gefunden habe. Zugeklappt ist es schön portabel und fühlt sich vom Kunstleder her auch edel an. Aufgeklappt ist es stabil und tut sehr gut, was es soll. Die ins gesamt 109 Euro sind definitiv keine Fehlinvestition gewesen!

Dieser Blogeintrag wurde übrigens auf dem iPad mit dem ZAGGfolio geschrieben. 🙂

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Politik

Wer schützt noch unser Grundgesetz?

Das Erwachen am Samstag, den 30.06.2012, war kein schönes für mich. Denn die erste Nachricht, die mir im Feed-Reader präsentiert wurde, war, dass Bundestag und Bundesrat dem Fiskalpakt und dem ESM-Vertrag zugestimmt haben. Beide Kammern stimmten diesen Werken des Wahnsinns mit einer deutlich erreichten Zweidrittelmehrheit zu.

„Werk des Wahnsinns?“ werden mich jetzt einige Leute fragen. Ja, ich stehe zu dieser Formulierung. Denn was dieses Vertragswerk nach meiner laienhaften Auffassung tut, und wozu unsere gewählten Volksvertreter ihre Zustimmung gaben, kann man nur als blanken Wahnsinn bezeichnen!

Hier wird das Hoheitsrecht des Parlaments aufgegeben, nämlich die Verwaltung des Staatshaushalts. Wenn ein anderer Staat meint, Deutschland verklagen zu müssen, weil es angeblich die Kriterien nicht erfüllt, und entsprechend nach Rhetorik eine qualifizierte Mehrheit der EU-Staaten hinter sich bringt, dann wird in den Haushalt eingegriffen.

Genauso bekommt eine Verwaltungsinstanz in Brüssel, nämlich der ESM, einen Freibrief, sich in für den Normalbürger unendlicher Höhe an deutschen Steuergeldern zu bedienen, ohne dass der Bundestag dem zustimmen muss. Kaum jemand kann sich vorstellen, wie viel Geld 190 Milliarden Euro (das ist die derzeit festgelegte Obergrenze) eigentlich sind.

Halten wir uns dies nochmals vor Augen: Eine nicht gewählte Verwaltungsinstanz darf sich Geld aus den Staatshaushalten der am ESM beteiligten Länder nehmen, um zum Beispiel eine Bank zu sanieren, die sich bei irgendwelchen Immobilien-Geschäften verzockt hat. Da sitzen also irgendwo irgendwelche neunmalklugen Finanzspekulateure rum, würfeln sich ein paar Modelle zusammen, bilden daraus eine Seifenblase, die natürlich platzt (denn das tun alle Seifenblasen), und dann weint die die Kredite tragende Bank ganz laut, der ESM schlürft ohne Zustimmung der Parlamente Gelder, um die armen, armen Spekulanten-Amateure auszuzahlen, nur damit diese ein halbes Jahr später ein neues Würfelspiel mit Seifenblasen spielen, diesmal vielleicht mit dem neuesten an die Börse gegangenen sozialen Netzwerk.

Nochmals: Der ESM ist eine nicht gewählte Behörde, die von einer nicht gewählten Behörde, nämlich der EU-Kommission, eingesetzt wird. Das EU-Parlament hat hier kein Mitspracherecht, wie es ja sowieso kaum was zu sagen hat, sondern lediglich ein Alibi-Parlament ist, das wir alle fünf Jahre gnädigerweise neu zusammenwürfeln dürfen.

Weiter: Die EU hat keine Verfassung. Diese wurde vor einigen Jahren erfolgreich von mehreren Ländern verhindert. Sowohl der Fiskalpakt als auch der ESM-Vertrag übertragen verfassungsmäßige Hoheitsgebiete, vom Grundgesetz geschützte Rechte von einem verfassungsmäßig gewählten Organ, nämlich dem jeweiligen Landesparlament, auf ein nicht gewähltes, von keiner Verfassung legitimiertes, Organ. Wenn ich mich nicht ganz täusche, gibt es in unserem Grundgesetz den Artikel 146, der besagt:

Dieses Grundgesetz, das nach Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands für das gesamte deutsche Volk gilt, verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.

Ich wiederhole nochmals: Ich bin Laie, kein Jurist, würde mich aber durchaus als politisch informiert bezeichnen. Nach meiner Auffassung hat hier ein Abtritt mindestens eines im Grundgesetz verankerten Rechts stattgefunden, ohne dass das deutsche Volk in freier Entscheidung darüber befinden konnte. Weiterhin wurde dieses Recht an ein Organ abgetreten, das keiner Verfassung entspricht und von keiner Verfassung legitimiert ist.

Wenn es also darum geht, die Befindlichkeiten irgendwelcher Lobbyisten zu befriedigen, ist das von uns gewählte Parlament ohne zu zögern bereit, über Fraktionsgrenzen hinweg, das Grundgesetz mit Füßen zu treten und das in sie durch unsere Wählerstimme gesetzte Vertrauen zu missbrauchen. Von diesem Parlament, von der zur Zeit im Bundestag vertretenen Parteienlandschaft mit Ausnahme der Linken ist also nicht zu erwarten, dass sie bereit sind, das Grundgesetz, unser höchstes Gut, zu schützen.

Kommen wir nun zu den direkt nach Beschluss durch Bundestag und Bundesrat beim Bundesverfassungsgericht eingereichten Klagen. Sie sind immens wichtig und werden zeigen, ob das Bundesverfassungsgericht seiner Aufgabe nachkommt, das Grundgesetz und die Bevölkerung vor den Folgen dieser Entscheidung zu schützen. ich befürchte allerdings, dass die höchsten Bundesrichter, wie so oft in den letzten Jahren, nicht den Mumm haben werden, dem Wahnsinn, den diese Bundesregierung immer und immer wieder verbricht, diesmal Einhalt zu gebieten und eine Unverträglichkeit mit dem Grundgesetz festzustellen. Sie werden, so meine Befürchtung, der Krisenrhetorik von Merkel & Co. erliegen und das „Gesetz“ durchwinken und somit selbst zu Verrätern an unserem Grundgesetz werden.

Und wer schützt unser Grundgesetz dann noch? Wenn selbst die höchsten Richter im Staate nicht willens oder in der Lage sind, unsere Verfassung, denn nichts anderes ist das Grundgesetz ja faktisch, zu schützen? Müssen wir, muss das deutsche Volk, tatsächlich zum letzten Mittel greifen, das uns noch bleibt? Ich rede von Artikel 20, Absatz 4 des Grundgesetzes:

Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.

Da weder die großen Volksparteien noch die beiden momentan zur Regierungsbildung herangezogenen kleinen Parteien Willens sind, das Grundgesetz in gebührender Form zu achten und zu schützen, muss man sich ernsthaft die Frage stellen, ob Abhilfe überhaupt möglich ist. Denn egal wen man wählt, man würde immer wieder dieselben Verantwortungsträger bekommen, die nicht gewillt sind, dieses Chaos, das sich europäische Union nennt, auf eine vernünftige verfassungsmäßige Grundlage zu stellen, in Vereinbarkeit mit geltendem Recht. Stattdessen würde weiterhin Verfassungsbruch, sanktioniert von einem eingeschüchterten Bundesverfassungsgericht, betrieben werden.

Deutschland, dieser Bürger hat Angst vor dir!

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Apple Zugänglichkeit

So baut man VoiceOver-Support in iOS-Anwendungen ein

Anfang dieser Woche wurde ich mal wieder gefragt, wie man denn am einfachsten die Zugänglichkeit für VoiceOver in iOS-Apps verbessern kann.

Bei der Recherche stellte ich fest, dass es bisher offenbar keinen deutschsprachigen Artikel zu diesem Thema gibt. Selbst die Objective-C- und Cocoa-Bibeln von Amin Negm-Awad verlieren kein sterbenswort darüber, wie man eigene Apps so erweitert, dass sie mit VoiceOver zugänglich werden. Sprich:

Es war an der Zeit, einen Artikel zu schreiben, wie einfach es ist, iOS-Anwendungen zugänglich zu machen, so dass sie mit VoiceOver benutzbar werden. Hier ist er nun!

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Behinderung Politik Soziales

Deutschlands Bildungssystem braucht eine digitale Revolution

Die Urheberrechts- und Rechteverwertungsdebatte läuft in Deutschland ja nun schon einige Wochen. Eine neue Richtung bekam sie dieser Tage durch diesen Artikel in der Financial Times Deutschland, in dem es um die Verletzung des Urheber- bzw. Verwertungsrechts durch Lehrer geht, wenn sie digitale Kopien von Auszügen aus Schulbüchern erstellen.

Beim Lesen des Artikels schrie es in mir an vielen Stellen, an denen die „Probleme“ der Verlage geschildert wurden, laut und deutlich „eBooks!“. Die Lösungen für die Probleme, die die Verlagsleiter so dramatisch schilderten, liegen schon längst vor. Sie müssen nur umgesetzt werden.

Da wäre zunächst einmal das Rohmaterial, aus dem heutige Schulbücher erstellt werden. Diese liegen in der Regel schon in digitaler Form vor. Oder entwickeln Schulbuchautoren ihre Werke immer noch mit Zettel und Bleistift und später auf einer Schreibmaschine? 😉 Wohl kaum. Word & Co. sind ihre Arbeitswerkzeuge. Die gesamten Materialien liegen also schon in einem verwertbaren Format vor.

Diese werden dann durch Adobe InDesign o. ä. in setz- und somit druckbare Form gebracht. Wieder eine digitale Form des Buches als Zwischenschritt zum endgültigen Werk, dem gedruckten Buch. Für dieses musste der Regenwald mal wieder ein paar Bäume hergeben, die Kunststoffindustrie steuerte die Verklebung für die Seiten bei, und die Druckerschwärze tut ihr übriges zur Umweltbelastung. Aus dem eigenen Schulalltag weiß ich, dass in vielen Büchern, wenn überhaupt, nur die Hälfte verwertet wird, der Rest wird übersprungen o. ä., und in zwei Jahren kommt die nächste Auflage, so dass die Schüler der übernächsten Klasse diese Buchausgabe nicht mehr werden nutzen können. Die Bücher werden eingestampft und recycelt.

Wenn ich mir dann noch vorstelle, dass die im Artikel genannten Zahlen der verschiedenen Ausgaben eines einzigen Buches akkurat sein dürften, da drängt sich mir nur auf, was für ein Wahnsinn doch unser Bildungssystem ist, dass so viel Verschwendung herrscht, subventioniert vom Steuerzahler und ohne jegliche Nachhaltigkeit!

Und dann die Redigitalisierung: Da müssen sich heute Lehrer hinsetzen, ein Buch bzw. Passagen daraus einscannen und dann noch durch eine Texterkennung schicken, um wieder eine digitale Form des Textes zu bekommen. Diese brauchen sie u. a., um sie einem blinden Schüler zukommen lassen zu können, entweder direkt oder per Ausdruck in Blindenschrift. Jeder, der dies schon mal gemacht hat, weiß, was für ein Aufwand das ist, trotz der heute sehr guten Texterkennung. Was für ein unnötiger Mehraufwand für die Lehrkraft!

Kommen wir also zurück auf das, was passieren müsste, um diesem Problem Herr zu werden. Wir waren ja vorhin schon mal kurzzeitig bei den digitalen Fassungen, die es ja schon gibt. In einer Welt, wie ich sie mir vorstelle, muss nach dem Layouten der nächste Schritt der sein, das Buch in ein für im Unterricht verwendete Tablets verwertbares Format auszugeben. Jedes Kind sollte leihweise mit einem Tablet wie dem Apple iPad ausgestattet werden, auf dem es Zugriff auf seine benötigten Unterrichtsmaterialien bekommt. Keine die Umwelt belastenden Kopien wären mehr nötig, durch vorhandene DRM-Techniken könnten die Verlage ganz klar die Verwertungsrechte kontrollieren. Man kann iPads so absichern, dass die Schulkinder damit nichts tun können, was nicht gewollt ist. iPads wären nachhaltig, sie sind trotz sich regelmäßig erneuernder Gerätegenerationen nicht so schnell veraltet wie Druckerzeugnisse.

iPads hätten auch den Vorteil, dass Barrierefreiheitsfunktionen für Blinde und Menschen mit anderen Behinderungen gleich an Bord sind, hierfür also kein extra Geld ausgegeben werden muss. Auch gibt es bei einem so kontrollierten System, wie Apple es anbietet, keine Gefahr der Splitterung und Inkonsistenten, wie dies z. B. leider beim Betriebssystem Android der Fall ist. Das iPad bietet durch seine intuitive Bedienung auch solchen Menschen Zugang, die (z. B. aufgrund einer autistischen Störung) zu Printmedien überhaupt keinen Zugang finden. Einen solchen Menschen gibt es in meinem privaten Umfeld tatsächlich.

Hinweis: Ich bin in keiner Weise mit der Firma Apple assoziiert. Das iPad bietet jedoch die konsistenteste und zuverlässigste Plattform für ein solches Vorhaben.

Dass das iPad an Schulen Unterrichtsmaterialien aus Papier ersetzt, wird in einigen Ländern bereits mit Erfolg praktiziert. Tools wie iBooks Author bieten längst die Möglichkeit, multimediale Unterrichtsmaterialien zu erstellen, inklusive voller Barrierefreiheit für die meisten Schüler mit Behinderungen.

Der Revolutionsteil dieses Blogeintrags betrifft die Verlage. Sie sind es, die den Mut haben müssen, diesen Schritt zu wagen. Selbst wenn das Endprodukt kein Buch ist, das man aufschlagen und zerfleddern kann, wird das Erzeugnis verlegt. Und er betrifft die Politiker, vor allem die Kultusminister. Sie sind es, die den Mut haben müssen, z. B. an Apple heranzutreten und mit der Firma einen Deal auszuhandeln, mit dem für alle Schüler, egal welcher sozialen Herkunft sie entspringen, chancengleich die Unterrichtsmaterialien digital zur Verfügung gestellt werden können.

Die technischen Möglichkeiten sind längst da! Sie liegen im Bildungsbereich ziemlich brach, weil der Mut, der visionäre geist fehlt, sie einzusetzen.

Ich hoffe, dass dieser Beitrag einen Anstoß gibt, dass vielleicht der eine oder andere mal überlegt, ob das nicht ein möglicher Weg wäre, den man beschreiten kann. Er würde so viele Probleme lösen, dass man sie an einer Hand gar nicht abzählen kann!

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Behinderung Blindheit Politik Sexualität

Diskriminierung aus den eigenen Reihen ist die schlimmste

Auf Twitter entspann sich heute eine der ekelhaftesten Diskussionen, die ich in diesem Medium jemals erlebt habe. Ennomane war zu Gast bei ZIBB und berichtete über den Erhalt eines Cochlea-Implantats. Er verlor im jugendlichen Alter sein Hörvermögen und hat durch das CI einen Teil davon jetzt, ca. 20 Jahre später, zurückerlangt.

Als Reaktion darauf warf EinAugenschmaus ihm vor, er hätte sich in diesem Beitrag als gehörlos bezeichnet, obwohl er das laut (ihrer) Definition gar nicht sei, weil er nicht von Geburt an gehörlos sei. „Spätertaubt“ oder „schwerhörig“ wären angemessen gewesen, „gehörlos“ jedoch auf gar keinen Fall.

Das war nicht das erste Mal, dass ich solche oder ähnlich geartete Aussagen von EinAugenschmaus lesen musste. Diese scheinbare Einteilung in Gehörlose erster und zweiter Klasse erschreckt mich zutiefst.

Würde ich diese Aussage auf das Thema Blindheit übertragen, hieße das, dass ich, der ich geburtsblind bin, ein „besserer“ Blinder wäre als mein bester Freund, der im Alter von 18 Jahren sein Augenlicht verlor. Dabei bin ich es, der eine Hell-Dunkel-Wahrnehmung hat, der Freund hingegen gar kein Lichtempfinden mehr hat, da er zwei Glasaugen trägt. Darf er sich, oder darf ich mich dann nicht als „blind“ bezeichnen? Der Effekt ist der gleiche: Wir können beide keine Farben sehen, keine Gegenstände, kein Auto fahren, keine Straßen- oder Hausnummernschilder lesen usw.

Der Freund musste die Brailleschrift nach seiner Erblindung erlernen, ich erlernte sie in der Grundschule. Diese Schrift ist eine eigene Schriftsprache, die aber auch von Sehenden erlernt werden kann. Genauso kann Gebärdensprache von im Laufe des Lebens ertaubten Menschen und Hörenden gleichermaßen erlernt werden. Selbst ich beherrsche einige wenige rudimentäre Gebärden, z. B. meinen Namen. Ist der eine dann gehörloser als der andere, nur weil der andere zufällig einen Teil seines Lebens hören konnte?

Genauso könnte man fragen, ob nur Männer, die sich regelmäßig in einen Fummel schmeißen, Anzugträger oder Lederkerle als einzige das „Recht“ haben, sich als schwul zu bezeichnen. Ist nur derjenige „richtig“ schwul, der auf BDSM-Praktiken steht? Ist nur die Frau „richtig“ lesbisch, die in ihrem Leben noch nie eine Erfahrung mit einem Mann gemacht hat oder – Gott bewahre – gar Mutter eines oder mehrerer Kinder ist?

Ist nur derjenige ein echter Rollstuhlfahrer, der einen Querschnitt hat, derjenige, der aufgrund einer Spastik im Rollstuhl sitzt, sich aber notfalls ein paar Meter auf den Beinen oder dem Hintern ohne Rollstuhl fortbewegen kann, aber nicht?

Mir würden sicherlich noch zig Beispiele mehr einfallen. Ich stoppe aber hier. ich denke, die Absurdität dieser anscheinenden Einteilung dürfte jedem klar geworden sein.

Solange eine „Community“, eine „Randgruppe“ Mitglieder hat, die eine solche diskriminierende Einteilung vornehmen, braucht sie keine Diskriminierung von außen, denn die schlimmste aller Diskriminierungen kommt von innen. Der weitläufige Spruch „Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr“ passt hier ziemlich gut.

Und es erschreckt mich. Es erschreckt mich zu sehen, wie durchaus nicht wenig prominente Mitglieder einer „Community“ ihrer eigenen Sache so schaden können. Denn wer soll die Anliegen einer solchen „Community“ ernst nehmen, wenn innerhalb derselben Mitgliedern so ins Knie geschossen wird?

Das Cochlea-Implantat ist in der Gruppe der Gehörlosen nicht unumstritten. Die einen meinen, wenn es eine Chance gibt, in der Umwelt, die nun mal von Hörenden dominiert wird, besser zurecht zu kommen, sollte man sie nutzen. Die anderen besingen die apokalyptische Vision des Untergangs der eigenen, besonderen Kultur. Es gibt sogar gehörlose Eltern, die ihrem ebenfalls gehörlosen Kind ein CI verweigern mit der Begründung, das würde das Kind mit der Kultur der Hörenden „vergiften“.

Das wäre ungefähr so, als würde ich mir, der ich mit einem Blindenführhund unterwegs bin, anmaßen zu sagen, wer stattdessen einen weißen Stock als Mobilitätshilfe verwendet, wäre ein „schlechterer Blinder“. Ich fluche zwar ab und an wie ein Rohrspatz, wenn ich mal mit Stock unterwegs sein muss, weil sich dies für mich tatsächlich wie eine eingeschränkte Mobilität anfühlt. Das ist aber mein rein persönliches Empfinden und bedeutet nicht, dass ich die Orientierung per Stock per se als zweitklassig einstufen würde.

Diese ganze Geschichte hinterlässt bei mir einen sehr bitteren Nachgeschmack. ich sitze fassungslos vorm Rechner und denke mir, ich bin im falschen Film!

Ich wünsche mir, dass die Communities geschlossen für ihre Sache einstehen, anstatt sich intern gegenseitig wegen eventuell unterschiedlicher Lebensentwürfe im einen oder anderen Punkt zu behakeln. Denn die großen Ziele, seien es Untertitel oder Gebärdensprach-Erweiterungen für Gehörlose, Audiodeskription oder „kein Shared Space in Städten“ für Blinde, oder die vollständige Gleichstellung mit der Ehe von Schwulen und Lesben, kommen allen Mitgliedern der Gemeinschaft zugute, egal ob sie von Geburt an gehörlos sind oder es im lauf ihres Lebens wurden, mit Blindenführhund oder Stock unterwegs sind, schon als Teenager ihr Coming Out hatten oder erst mit 40 oder 50, nachdem schon eine heterosexuelle Ehe geführt wurde, aus der Kinder stammen.

Die Akzeptanz, Integration und Inklusion fängt in den eigenen „vier Wänden“ an und nicht beim Politiker an der nächsten Ecke!

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Journalismus Politik Soziales

Offline gegen Online, oder: „Ich verstehe das Internet nicht.“

Es ist Sonntag, und es wurden mir heute gleich zwei höchst alarmierende Beispiele in die Timeline bei Twitter gespült, die eindrücklich zeigen, dass nicht nur unsere Politiker, sondern auch die „schreibende Zunft“, nämlich die Journaille, zu einem erschreckend großen Anteil das Internet und was es in unser aller Leben heute bedeutet, schlicht noch nicht verstanden haben.

Das erste Beispiel ist dieser Artikel aus der FAS, der sehr beeindruckend zeigt, dass selbst viele im Internet publizierte Journalisten offensichtlich noch nicht verstanden haben, dass es nicht die „reale“ und die „virtuelle“ Welt gibt, wobei die „reale“ die Welt außerhalb des Internets darstellt und die „virtuelle“ eben genau die im Internet. Die Autorinnen haben nicht verstanden, dass es da keine zwei Welten gibt, sondern dass das Internet Bestandteil dieser unserer Welt ist und nicht ein davon hermetisch abgetrennter Raum, der die Außenwelt nicht beeinflusst, und umgekehrt. Dabei liest sich der Artikel gar nicht schlecht, wenn man den Eingangssatz überliest. Dieser Eingangssatz ist es jedoch, mit dem die Qualität des gesamten Artikels schlicht und einfach verdampft und die restlichen Aussagen wirkungslos werden lässt. Es wird nämlich in diesem ersten Satz genau diese „Trennung“ vollzogen.

Dabei ist das Internet als Bestandteil unserer Welt, und damit auch die durch diese Technik erfundenen sozialen Netzwerke, eine dermaßene Lebenserleichterung für viele Menschen, dass sie wegzudiskutieren oder in eine „virtuelle Welt“ zu verschieben einem Entzug seiner Legitimation gleichkommt. Menschen, die Opfer häuslicher Gewalt oder von Missbrauch werden, können sich im Internet Hilfe holen. Menschen mit Asperger-Syndrom oder Gehörlose, die gemeinsam haben, dass für sie i.d.r. das Telefonieren eine sehr große Hürde darstellt, haben hier die Möglichkeit, in einer für sie komfortablen oder überhaupt möglichen Form mit anderen zu kommunizieren, um dann diese sozialen Kontakte auf eine persönliche Ebene zu transferieren. Blinde haben durch die Möglichkeiten der Inhaltszugänglichkeit einen Zugang zu tagesaktuellen Nachrichten mit Hintergrundinformationen wie nie zuvor. Sie können auch zum ersten mal ihre Bankgeschäfte vollständig selbstständig tätigen, ohne auf die Hilfe einer sehenden Person angewiesen zu sein.

Und dies sind nur einige Beispiele, wie das Internet mit seinen verschiedenen Angeboten die Welt vieler Menschen um eine Möglichkeit reicher gemacht hat, sich zu verständigen oder andere Dinge zu erledigen, die direkten Einfluss auf ihr Leben haben.

Und dies bringt mich zum zweiten Beispiel. Dies wurde mir durch einen Artikel bei Zeit Online zugespielt. Der Artikel zeigt sehr deutlich, wie sehr viele sehr einflussreiche Pressemenschen das Internet und dessen Möglichkeiten immer noch nicht verstanden haben. Indem nämlich Print- und Online-Ausgaben, hier am Beispiel Spiegel und Spiegel Online, gegeneinander anstatt auf wirklich vernünftige Weise miteinander arbeiten.

Die Print-Ausgaben umfassen in der Regel auch die sogenannten iPad-Ausgaben. Diese bestehen im Regelfall aus aus Adobe InDesign herausgerotzten PDFs, die „wunderschön“ die Papierausgabe widerspiegeln, in Puncto Benutzbarkeit, Durchsuchbarkeit und Barrierefreiheit jedoch absolut versagen.

Die Online-Ausgaben bestehen oft aus gekürzten Artikeln, damit der Leser sich die Printausgabe noch kauft, um mehr Hintergrundinformationen zu bekommen. Artikel aus der Printausgabe dürfen dann erst verzögert online auftauchen, mindestens zwei bis vier Wochen nach Erscheinen der gedruckten Version, und im Archiv. Zu diesem Zeitpunkt ist ein Artikel bzw. dessen Aktualität soweit weg, dass dieser Transfer nur noch bei Recherchefällen ins Gewicht fällt

Dabei ist die Debatte um „Offline gegen Online“ eine Stellvertreterdebatte, denn im Kern geht es doch darum, qualitativ hochwertigen Journalismus ordentlich zu entlohnen. Und hier kommt der Konsument ins Spiel. Ich gehe mal von mir aus. Dazu ein kleiner Griff in die Geschichte: Ich habe den Spiegel Anfang des Jahrtausends für mehrere Jahre abonniert. Dies geschah – oh wunder – in digitaler Form. Ich bekam die wöchentliche Ausgabe als Datei im SGML-Format und konnte sie dann mittels einer proprietären Software auf ein Braille-Lesegerät namens Handy Tech Buchwurm laden. Hier konnte ich dann in Artikeln navigieren, Überschriften und Sparten einer Ausgabe durchblättern usw. Doch die meisten Ausgaben enthielten zwischen 60 und 70 Prozent Artikel, die mich nicht oder nur wenig interessierten. Ich musste jedoch immer den vollen Preis bezahlen. Ob das Angebot heute noch besteht, weiß ich nicht, das entsprechende Lesegerät kann ich wegen meines Umstiege auf den Mac schon seit längerem nicht mehr mit neuen Daten „befeuern“ und habe das Abo schon vor langer Zeit wieder gekündigt.

Das Interesse an qualitativ hochwertigen Artikeln und die Bereitschaft, dafür zu bezahlen, sind jedoch weiterhin vorhanden. Die Hürden, an eine für mich lesbare Ausgabe dieser Artikel zu kommen, ist jedoch so hoch, dass ich mir die Mühe nicht mache, weil der Aufwand für einen, zwei Artikel pro Woche schlicht zu hoch ist.

Anders wäre es, wenn der Spiegel bzw. Spiegel Online oder auch andere Angebote sich so vernünftig verzahnen würden, dass ein reibungsloser Zusammenschluss dieser beiden sich angeblich widersprechenden Medien erfolgt. Bei dem, was heute Spiegel Online ist, könnte ein Artikel stehen, der die wesentlichen Fakten und einige Hintergrundinfos beinhaltet. Will man den vollständigen Artikel, der nur in einer Printausgabe des Spiegel stehen würde, lesen, muss man dafür einen Obolus entrichten. Würde so ein Angebot z. B. für Tablets wie das iPad geschaffen, könnte man die SPON-Artikel direkt in der App konsumieren und die weiterführenden Artikel dann per In-App-Kauf dazuerwerben. Vorausgesetzt, das Angebot besteht nicht wieder aus aus InDesign herausgerotzten Grafik-PDFs. 😉

Will man es dann richtig gut machen, ermöglicht man die Verzahnung der verwendeten E-Mail-Adresse/Apple ID mit einem Konto bei spiegel.de, in dem diese gekauften Artikel dann auch zugänglich sind, um sie z. B. am Notebook auch lesen zu können. Aber die o. g. Variante würde zumindest mir reichen und mich dazu animieren, den Qualitätsjournalismus, den es in Deutschland durchaus noch gibt, zu honorieren, indem ich mir Artikel, die mich interessieren, tatsächlich kaufe.

Es gibt übrigens Beispiele digitaler Abonnements, wie das von der Taz, welche komplett barrierefrei funktionieren. So kann man, bezieht man die Taz im ePub-Format, die Artikel wunderbar durchblättern und lesen, dadurch, dass es sich um vernünftige Textausgaben handelt, sogar für Menschen mit Behinderungen komplett barrierefrei.

Meine Hoffnung ist, dass dieser „Kulturkampf“ endlich mal aufhört und sich die Verantwortlichen vernünftig zusammensetzen und sich mal trauen, komplett neue Geschäftsmodelle zu erdenken, die dem Interesse, dass Qualitätsjournalismus vom Konsumenten angemessen honoriert wird, gerecht wird und gleichzeitig dem Konsumenten ermöglicht, dies auch zu tun! Traut euch was, und denkt nicht andauernd, dass sich im Internet nur Menschen tummeln, die alles umsonst haben wollen. Dem ist nicht so! Sie sind es nur leid, sich Papierausgaben zu kaufen, die die Umwelt belasten und umständlich zu handhaben sind!

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Zugänglichkeit

Verstecken von Inhalten entwirrt: Verstecken vs. aus sichtbarem Bereich verschieben

Der Anlass für diesen Artikel war mal wieder ein Beispiel, das aus dem Leben gegriffen ist. Ich testete am Montag browserid.org auf Barrierefreiheit und stieß auf einige Ungereimtheiten bei der Tastatur- und ScreenReader-Bedienung. Zum einen gibt es sowohl oberhalb der zu einem Konto gehörigen E-Mail-Adressen als auch neben der Überschrift zum Ändern des Passworts „Edit“-Buttons, deren Funktionalität sich mir nicht erschließen wollte. Denn für meinen Screen Reader waren die „Remove“-Buttons neben den E-Mail-Adressen bzw. die Felder fürs alte und neue Passwort auch ohne Betätigen dieser „Edit“-Buttons sichtbar, und die Aktionen konnten ohne weiteres ausgeführt werden. Zum anderen erschloss sich mir auch beim Durchnavigieren der Seite mit Tab nicht, welchen Unterschied diese „Edit“-Buttons machen sollten.

Die Lösung ergab sich erst, als ich meine Lebensgefährtin bat, sich diese Seite mit mir zusammen anzuschauen. Für sie war nach dem ersten Laden keiner der „Remove“-Buttons oder die Eingabefelder für die Passwörter sichtbar. Als ich anfing, mit dem virtuellen Cursor von NVDA hindurchzunavigieren, erschienen plötzlich die Buttons und Eingabefelder. Wanderte ich rückwärts, verschwanden sie wieder. Navigierte ich mit Tab, erschienen sie und blieben sichtbar.

Das „Verstecken“ der Inhalte wurde hier also auf eine Weise erledigt, die die Inhalte zwar für Sehende versteckte, für Screen Reader aber nicht. Weiterhin wurde nicht berücksichtigt, dass sich für Tastaturbenutzer ein anderes Interaktionsmodell ergibt als für Mausbenutzer. Es wurde die falsche Technik zum Verstecken von Inhalten angewandt.

Ich will mal versuchen, ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen und gleichzeitig ein paar grundsätzliche Missverständnisse aufzuklären, mit denen ich seit über 10 Jahren immer wieder konfrontiert werde.

Die Grundlage

Zum Verständnis unbedingt erforderlich ist das Folgende: Screen Reader und andere assistive Technologien für Menschen mit Behinderungen nutzen eine Sammlung von Objekten, die den Inhalt einer Webseite widerspiegelt, um dem Anwender den Zugang hierzu ermöglichen. Diese Objekte sind hierarchisch gegliedert, wie in einem Baum. Der Stamm ist das Dokument, die Kindelemente sind vielleicht einzelne Sektionen, Überschriften, navigationsblöcke usw. Dieser Baum stellt eine Untermenge des durch den HTML-Code der Seite erstellten Baums des Document Object Model (DOM) des Browsers dar. Da die Objekte für Barrierefreiheit nicht für jedes Element eine Entsprechung benötigen, ist die Abbildung nicht ganz 1:1. In Fachkreisen wird diese Untermenge als Accessible Tree bezeichnet. Die Browser-Engine, z. B. Gecko bei Mozilla-basierten Browsern, versieht diese Objekte jedoch mit weiteren Eigenschaften, die für den Menschen mit Behinderung unbedingt notwendig sind.

Hierzu werden nicht nur die Informationen aus den Attributen des jeweiligen HTML-Tags herangezogen, sondern auch Stilinformationen. So werden Informationen zu Textattributen aus dem CSS abgeleitet, Farben usw. ebenfalls daraus ermittelt.

Einige Eigenschaften werden nicht berücksichtigt, z. B. die letztendliche Positionierung einzelner Elemente. Ein Div-Container kann also z. B. auf der Startseite oben rechts in der Ecke neben der Navigation angezeigt werden, der Screen Reader wird ihn jedoch an der Stelle des Dokumentflusses anzeigen, an dem er im Quelltext steht. Die Positionierung per CSS hat auf die Lesereihenfolge des Screen Readers keinen Einfluss. Siehe hierzu auch diesen Eintrag von mir, in dem ich das am Beispiel einer Lightbox erkläre.

Verstecken ist nicht gleich verstecken

Einige CSS-Anweisungen werden jedoch strikt befolgt. Im IE macht dies der Screen Reader, bei Firefox macht es die Gecko-Engine schon vorab. Und dies ist schon seit über 10 Jahren so. Elemente, die mit „display: none;“ oder „visibility: hidden;“ gestylt werden, werden nicht mit in den Accessible Tree aufgenommen. Erst wenn sich z. B. durch eine JavaScript-Anweisung ihr Styling ändert, werden sie an entsprechender Stelle in den Baum eingefügt, und es wird ein Ereignis ausgelöst, das dem Screen Reader mitteilt, dass hier ein neues Element oder eine Gruppe von Elementen erschienen ist.

Andere Anweisungen zum „Verstecken“ von Elementen wie „left: -9999px; top: -9999px;“ werden hingegen nicht berücksichtigt. Diese Elemente sind für Screen Reader genauso sichtbar wie solche, als stünden sie sichtbar fürs Auge auf dem Bildschirm.

Also nochmal, damit’s niemand überliest: Elemente, die mit „display: none;“ oder „visibility: hidden;“ gestylt sind, werden auch vor Screen Reedern immer versteckt! Dies gilt ohne Ausnahme für NVDA, JAWS usw. unter Windows, Orca unter Linux, und VoiceOver auf Mac und iOS. Die letzte JAWS-Version, die das nicht konnte, war, glaube ich, Version 4.02, die im April oder Mai 2001 erschien. Seitdem machen das alle alle alle JAWS-Versionen und alle anderen Screen Reader, die ich kenne, richtig. Warum sich ein das Gegenteil behauptendes Gerücht bis heute so hartnäckig in der Webentwickler-Szene hält, ist mir ein absolutes Rätsel. „display: none;“ oder „visibility: hidden;“ eigenen sich also nicht, um dem Screen Reader Zusatzinhalte anzubieten. Er wird sie schnöde ignorieren!

Wann verwende ich denn nun was?

Sobald Elemente tatsächlich erst sichtbar werden sollen, wenn eine bestimmte Aktion bewusst ausgeführt wird, sollten, je nach Bedarf, „display: none;“ oder „visibility: hidden;“ verwendet werden. Ein Anwendungsbeispiel, das viele Blogger jedesmal vor der Nase haben, wenn sie selbst einen Beitrag schreiben, ist das Administrations-Backend von WordPress. Die Hauptmenüpunkte „Dashboard“, „Artikel“ usw. verbergen ihre Untermenüs durch das Stylen mit einer dieser beiden CSS-Anweisungen. Erst wenn der Anwender entweder mit der Maus rüberfährt oder mit Tab drauf navigiert und Enter drückt, wird der Style entsprechend geändert, und die Untermenüpunkte erscheinen. Richtigerweise wird auf dem Hauptmenüpunkt auch das WAI-ARIA-Attribut aria-haspopup=“true“ wird richtig gesetzt, so dass man sofort mitgeteilt bekommt, dass hier ein Untermenü vorliegt.

Würde hier mit einem lediglich aus dem sichtbaren Bereich verschobenen Container gearbeitet, würde ich die ganzen Untermenü-Punkte mit meinem Screen Reader zu sehen bekommen. Sämtliche Vorteile eines aufgeräumteren Interfaces wären für mich dahin. Ja, auch ich genieße die Vorzüge dynamischer Interfaces, in denen ich ein- und ausblenden kann, was ich zur zeit zum Arbeiten brauche und was nicht! Ist das entsprechende Markup vorhanden, muss ich nicht zwingend sofort sämtlichen verfügbaren Inhalt sehen. Der macht auch für mich ein Interface unaufgeräumt, unübersichtlich und schwer navigierbar!

Der falsche Weg ist der, den ich am Anfang des Artikels beschrieben habe. Die Buttons und Passwort-Felder im Kontobereich von BrowserID wurden lediglich aus dem sichtbaren Bereich verschoben, nicht wirklich versteckt.

Eine sinnvolle Anwendung von aus dem sichtbaren Bereich verschobenen Elementen ist die Verwendung sogenannter Skip Links. Dirk Jesse hat hierzu einen vorzüglichen Blogeintrag verfasst, dessen Lektüre ich dem geneigten Leser wärmstens ans Herz legen möchte! Auch dort wird kurz darauf verwiesen, wofür „display: none;“ der völlig falsche Weg ist.

Fazit

Ich hoffe, dieser Artikel kann dazu beitragen, einige Verwirrung aufzulösen, die um die Verwendung von „display: none;“ und negativer Positionierung besteht, wann was angewendet werden sollte und wann nicht. Die Faustregel ist: Soll etwas komplett versteckt und erst nach einer bewussten Aktion eingeblendet werden, „echt“ verstecken. Soll etwas grundsätzlich für Screen Reader erreichbar sein, ohne dass man vorher eine Aktion ausführen muss, dieses Element aber nicht zwangsläufig sofort sichtbar sein, verwendet man negative Positionierung. Aber dabei auch immer schön an die Tastaturbenutzer ohne Screen Reader denken und die Elemente rechtzeitig einblenden! 😉

Fragen? Die gibt es bestimmt! Immer her damit, denn nur „wer nicht fragt, bleibt dumm“, das wissen wir ja schon seit der Sesamstraße! 🙂

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Politik

Wer verstehen kann, ist klar im Vorteil, gerade als Autor

Es kommt wirklich sehr selten vor, dass man mich absolut sprachlos kriegt. Bei diesem Beitrag des Tatort-Autors und -Regisseurs Niki Stein in der FAZ war ich es. Ich bin einfach fassungslos darüber, wie ein Mensch, dessen Hauptbetätigungsfeld das geschriebene Wort ist, so konsequent lesen und nicht verstehen kann, wie es Herr Stein so eindrucksvoll demonstriert!

Vorweg eines: Ich bin kein Mitglied der Piratenpartei und stehe daher auch nicht für ihr Wahlprogramm gerade. ich bin jedoch jemand, der sich als „Digital native“ bezeichnet und der der Piratenpartei sehr viel Sympathien entgegenbringt, ja sich sogar vorstellen kann, bei der nächsten Wahl, für die sie zugelassen sind, an entsprechender Stelle auf dem Wahlzettel sein Kreuz zu machen.

Der Holzweg, auf dem sich Herr Stein befindet, wird schon beim ersten Zitat aus dem Programm betreten und konsequenterweise auch bis zum Ende nicht mehr verlassen. Herr Stein zitiert zunächst aus dem Programm:

Auf der Homepage der Piratenpartei steht unter dem Stichwort Transparenz: „Die fundamentale Chance des digitalen Zeitalters ist die Möglichkeit, Information ohne Kosten beliebig zu reproduzieren und zur Verfügung zu stellen. Die tradierten Wege, die Produzenten von Wissen und Kultur in Abhängigkeit von der Zahl der Kopien ihrer Arbeit zu entlohnen, sind dadurch ad absurdum geführt. Der Versuch, sie 1:1 in die Welt der Computer zu übertragen, benötigt einen Überwachungsstaat und müsste elementare Freiheiten jeden Bürgers beschneiden. Werden hingegen die Möglichkeiten der ständigen Verfügbarkeit und beliebigen Reproduktion des gesammelten Wissens der Menschheit genutzt, erhöht dies die Produktivität von Arbeitern der Informationsgesellschaft. Die größere Wiederverwertbarkeit steigert gleichzeitig die Effizienz des Schaffungsprozesses.“

Er führt dazu dann aus:

Ich versuche zu verstehen: Weil man theoretisch das von mir geschaffene Produkt Film im Internet beliebig oft reproduzieren und ohne Kosten zur Verfügung stellen kann, darf man mich dafür nicht entlohnen. Denn das Bezahlen der Nutzung würde einen Überwachungsapparat generieren, der die Freiheit des Einzelnen beschneidet.

Mit keinem Wort wurde gesagt, ihm als Urheber eines kulturellen Werkes solle nichts dafür gezahlt werden, dass ein von ihm geschaffenes Werk im Internet zur freien Verfügung stehen soll. Es werden hingegen dringend nötige Umdenkprozesse angestoßen, was die Geschäftsmodelle von Kulturschaffenden, Verwertern und Konsumenten angeht. Nur ist Herr Stein so dermaßen in seiner nicht nur auf einem Fuß hinkenden Kaufhausanalogie, die aus mehreren Gründen überhaupt nicht in den Schuh passt, der ihr angezogen werden soll, gefangen, dass er dies nicht versteht. Urheber sollen entlohnt werden! Das wird oben mit keinem Wort in Frage gestellt. Das Modell muss jedoch ein anderes werden, will man nicht weiterhin gegen das für Urheber, Verwerter und Konsumenten gleichermaßen schädliche Raubkopieren vorgehen. Eine angemessen hohe Entlohnung für das Erschaffen des Werkes und vernünftige, auf das Internet angepasste Verwertungsmodelle müssen für die Drehbuch- und Filmindustrie geschaffen werden, wie es sie ähnlich für Komponisten, Produzenten und Interpreten bei der Musik schon gibt. Apples iTunes Match ist ein mögliches Geschäftsmodell, wo man einmal jährlich als Konsument dafür zahlt, dass man seine Mediathek auf allen registrierten Geräten verfügbar hat und seine eventuell auch mit „sicherheitskopierten“ Inhalten versehene Mediathek auf eine komplett legale Basis stellt. Wäre das Vermarkten von Tatort-Episoden z. B. über Youtube oder andere Kanäle und die daraus resultierenden Einnahmen durch den Inhaltsanbieter gängige Geschäftspraxis, könnten heute für Filme, die schon in den 70er oder 80er Jahren gezeigt wurden und heute im regulären Fernsehprogramm nicht wiederholt werden, wieder Einnahmen erzielt werden. Liebhaber gibt es nämlich genügend!

Ich erspare mir und meinen Lesern jetzt mal weitere Zitate aus dem ewig langen Beitrag, die alle ihre Ursache und Schlussfolgerung in dem oben nicht verstandenen Passus haben.

Aber auf eine Sache muss ich noch eingehen, weil sie so prominent hervorgehoben wurde:

Und in dem heißt es dann, dass „Tatort“-Autoren für einen Film 25.000 Euro bekommen. Die Zahl stimmt. Was man aber wissen sollte, ist, dass ein Autor ein halbes Jahr an so einem „Tatort“-Krimi arbeitet. Dass er, wenn er Glück hat, jedes Jahr einen solchen Auftrag bekommt. Und dass er damit rechnen muss, von heute auf morgen nicht mehr gefragt zu sein. Er muss Rücklagen bilden, vielleicht Kinder versorgen, in Krankenkassen einzahlen, Steuern abführen, GEZ-Gebühren entrichten, kurz: Er muss von seiner Arbeit leben.

Erstens: Als frei schaffender Künstler ist Herr Stein mit diesem Risiko nicht allein. Dafür gibt es ja so Einrichtungen wie die Künstlersozialkasse usw.

Zweitens: Wenn er als Selbstständiger sein Geschäftsmodell auf genau eine Tätigkeit, nämlich das Schreiben von Tatort-Drehbüchern ausrichtet, ist das sein Problem, nicht das der Konsumenten.

Drittens: Ein halbes Jahr für ein Drehbuch? Die letzten Zehn Tatorte, die ich gesehen habe, durchweg Erstausstrahlungen, waren alles Beziehungstaten. Ohne Ausnahme. Kalter Kaffee einmal mit Süßstoff, einmal mit Zucker aufgerührt. Oder hat Herr Stein hauptsächlich für die Hamburger Tatorte seit Ende 2008 verantwortlich gezeichnet? Dann ließe sich das eventuell noch damit erklären, dass nicht nur die Zuschauer durch die willkürlich zusammengeschnittenen Szenen und Zeitsprünge nicht durchblicken, sondern auch der Autor schon beim Schreiben von seiner Kreativität völlig überfordert war. nachdem nach einem Monat dann die Story stand, Leiche am Anfang, Täter am Ende, wurden die restlichen fünf Monate damit verbracht, die Zeitschnipsel zu mischen wie Spielkarten?

Ja, das war jetzt polemisch, und das sollte es auch sein. Ich weiß von mehreren Autoren, nicht nur von Drehbüchern, sondern auch von Belletristik, dass sie immer mehr als ein Standbein haben. Dass gehört zu einer vernünftigen Geschäftsplanung. Das als Argument anzuführen, um in dieser unqualifizierten Weise gegen die Piratenpartei zu wettern, ohne verstanden zu haben, was Herr Stein gelesen hat, ist populistisch und lame.

Und noch eine Bemerkung zum Schluss: Diesen Beitrag von Herrn Stein las ich in diesem ach so bösen Internetz. Ich zahlte keinen Cent dafür, aber Herr Stein bekommt von der VG Wort ja auf jeden Fall einen Verrechnungsscheck dafür. Nicht nur für die Printausgabe, sondern auch durch die Werbeeinblendungen, die garantiert auf der Seite zu sehen waren. Ich bin jedenfalls froh, mit dem Altpapier dieser FAZ-Ausgabe nicht die Umwelt belasten zu müssen.

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Politik

Was Europa braucht ist die Umwandlung in einen föderalistischen Staat

Inspiriert von diesem Zeit-Artikel und dem einen oder anderen Gespräch, das ich in den letzten Wochen mit dem einen oder anderen Freund geführt habe, möchte ich gern ein paar Gedanken mit euch teilen.

Ich stelle mir schon länger die Frage, wie dieses Gebilde Europa weiter funktionieren soll. Dabei blicke ich auf das Zeitgeschehen als gut informierter Bürger, aber politischer Laie. Und es ist ja für alle sehr offensichtlich, dass das aktuelle System nicht funktioniert. Der ESM ist in mehreren Ländern verfassungsrechtlich mindestens bedenklich, wenn nicht sogar verfassungswidrig. Der EFSF ist ein Flickwerk, das an einer Stelle Löcher stopft und nicht verhindern kann, dass an anderer noch viel größere aufreißen.

Ein weiteres Problem ist, dass das Kuddelmuddel an europäischen Organen sich mit den Ländern ständig über Zuständigkeiten und Befugnisse in den Haaren liegt. Das EU-Parlament ist passiver Abnicker, in dem die eine oder andere gute Rede gehalten wird, die aber ohne Folgen bleibt, und der eine oder andere Skandal passiert, wenn mal wieder ein durchgeknallter inzwischen zurückgetretener Ministerpräsident und Medien-Multi seine Ausraster kriegt. Die EU-Kommission gibt alle möglichen Richtlinien vor, die gar nicht wirklich demokratisch entschieden werden, weil sie keine offizielle Regierung ist und das EU-Parlament keine gesetzgebende Gewalt hat. Die Verträge der verschiedenen Epochen sorgen dafür, dass die Mitgliedsländer diese Vorgaben dennoch umsetzen müssen.

Das alles ist so ein Flickwerk, dass es einem die Nackenhaare hochstellt! Und dieses Gebilde, das aus über 50 Jahren wachsender Gemeinschaft entstanden ist, soll mit der Euro-, Schulden- und Finanzkrise klarkommen? Das muss schiefgehen!

Die einzige Lösung, die ich sehe, ist die, dass sich Europa umwandeln muss. Und zwar in die Vereinigten Staaten von Europa. Europa braucht, wie Westerwelle und einige andere Außenminister richtig erkennen, einen Präsidenten, eine echte Regierung mit Ministern, nicht Kommissaren, und einem Parlament, das echte gesetzgebende Gewalt hat. Die einzelnen Mitgliedsstaaten müssen sich dem unterordnen. Europa muss, um weiter erfolgreich zu sein, in der Außen-, Wirtschafts- und Finanzpolitik nach außen hin als eine Entität auftreten. Nach innen hin braucht es eine einheitliche Innen- und Sicherheitspolitik, auf lange Sicht auch angeglichene Bildungsstandards.

Und es braucht eine offizielle Amtssprache. Idealerweise wäre dies eine Sprache, die niemandes Eitelkeiten verletzt, wie Esperanto o. ä., oder eine ganz neu entstehende Euro-Sprache, aber es müsste wohl auf eine in sehr vielen Ländern verbreitete und gelehrte Sprache wie z. B. englisch hinauslaufen.

Ob der letzte Punkt durchzusetzen ist, ist fraglich. Alles andere muss mit dem entsprechenden Willen und der nötigen Entschlossenheit in nicht allzu ferner Zukunft passieren, sonst droht Europa wirklich zu scheitern. Und das wäre das schlimmste, was uns allen passieren könnte!

Die Außenminister sollten also auf ihren informellen Treffen den Mut haben, über eine europäische Verfassung, die ja primär nur auf dem Papier existieren würde, hinaus zu denken und tatsächlich darüber nachzudenken, auf welche Weise die Gründung so eines vereinten europäischen Staates möglich wäre.

Ob sie diesen Mut haben werden? Man darf stark dran zweifeln, aber man mag auch hoffen und träumen. So wenig ich von der FDP halte, so richtig finde ich in diesem Fall Westerwelles Initiative. Endlich tut er mal etwas, wofür ein Außenminister da ist, und gibt Impulse! 🙂 Ich hoffe nur, dass diese Impulse nicht einfach verpuffen und diesmal eine Verfassung gefunden wird, der alle 27 Mitgliedsstaaten zustimmen können. Vielleicht wird’s ja eine Zustimmung zum Beitritt zu den United States Of Europe (USE)!